Mittwoch, 16. März 2011

Tarapoto, 10.März







Tarapoto, den 10. März 2011

Inzwischen habe ich bereits die Anden überquert, hier im Norden sind sie nicht mehr sehr hoch, gerade 2300 m soll der höchste Pass gewesen sein. Von der Wüste in die Tropen. Schade nur, dass keine Busse tagsüber fahren, den grössten Teil der Fahrt haben wir in der Nacht gemacht. Da der Bus einen starken Motor hatte, merkte man kaum etwas von der Steigung, einzig die Tatsache, dass wir häufig halb stehende Lastwagen überholt haben, wies darauf hin. Viel unangenehmer war im Halbschlaf die Fahrt hinunter ins Amazonasbecken. Bremsen und dann rascher Richtungswechsel in den Haarnadelkurven haben meinen Schlaf doch empfindlich gestört. Und dennoch schlief ich merkwürdigerweise zwar nur leicht, häufiges Erwachen, aber trotzdem angenehm. Sah die neonerleuchteten offenen Restaurants auf den Passhöhen, wo das Personal auf Kundschaft wartete. Die heute nur noch selten kommt, gerade Lastwagen, die Busse fahren meist durch, Toilette an Bord, auch wenn die fürchterlich nach Urin stank, wer trifft schon richtig auf dieser kurvigen Strecke.
Starker Regen, eine Morgendämmerung in Grau und Grün, die Küstenwüste ist einer üppigen Vegetation gewichen, an den Berghängen kleben schwere Wolken. Der erste Halt, Fahrgäste steigen aus, es geht noch fast 3 Stunden weiter bis nach Tarapoto, immer hinunter, doch nicht mehr so steil. Nicht durch Regenwald, sondern meistens durch gerodetes Gebiet, viele Viehweiden, weniger gepflegt als bei uns, die Natur drängt in den Tropen stärker zurück. Bisher habe ich noch kein Stück Wald gesehen, das man Urwald nennen könnte. Und lese im Internet, dass in der Gegend viel Kokainanbau betrieben werde, die Stadt deshalb reich sei, doch davon will niemand, den ich darauf anspreche, etwas wissen. Ja, früher schon, aber nicht mehr heute. Und ja, ein paar Leute seien damit reich geworden. Doch nun sei das nicht mehr so. Ich nehme an, die Kampagnen der Amerikaner. Das macht sie sicherlich hier nicht beliebter.

Das Reisen hat sich definitiv verändert, seit meinen ersten Reisen vor fast 40 Jahren. Das i-phone ist eines der wichtigsten Instrumente geworden. Die Australierin, die ich im Bus getroffen habe, ist dauernd daran, sich mit anderen Trampern, die sie in Südamerika getroffen hat, im Netz zu unterhalten, bzw. nachzufragen, wohin man in welchem Ort gehen muss, welche Busgesellschaft, welches Boot. Ein Guide Book, den Loonely Planet, hat sie zwar auch noch dabei. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich die Informationen übers Internet einmal gänzlich durchsetzen werden, die Bücher verschwinden. Sie haben natürlich auch Vorteile, sind aktueller, häufig persönlicher, es gibt Foren, wo sich Travellers austauschen, da habe ich auch schon hinein geschaut. Keine Interessen dabei, man sagt seine persönliche Meinung. – Trotzdem: Ich freue mich darauf, in Brasilien wieder ein Guidebook zu haben. Irgendwie scheint mir das sinnlicher. Und weniger nervös als dieses dauernde Starren auf kleine Bildschirme. Und Karten und Pläne, etwas das mir sehr wichtig ist, das klappt auch nicht mit den elektronischen Medien.

Das merkwürdigste an Tatapoto ist das Fehlen von Mücken. Noch keine einzige habe ich angetroffen. Nein, das gebe es nicht hier, meint man auf meine erstaunte Frage. Und die Frau, die unten bei den Restaurants und Bars Zigaretten verkauft, stückweise, man ruft sie, wenn man rauchen will, die meint, wenn es einmal eine Dengue-Epidemie gebe, dann würden die Mücken vergiftet. Ich nehme an in Grossaktionen, wie ich das von Sansibar her kenne.
Tarapoto, 350m über Meer, bisher meist ein angenehmer Wind, ein ideales Klima für die Tropen. Doch es soll heisser werden flussabwärts. Und von Iquitos berichten die Travellers über eine Dengue-Epidemie.

Samstag, 12. März 2011

Küstenwüste








Das giftgelbe Getränk sieht nicht nur furchtbar aus, es ist geschmacklich sogar noch viel schlechter als befürchtet. Wie süsseste Täfelis. Ich habe mich dazu verleiten lassen eines zu bestellen, weil das Gesöff hier alle trinken und vor allem, weil es Inka Cola heisst - alles heisst hier etwas mit Inka – ich im Moment einen verdorbenen Magen habe, irgendetwas will nicht hinunter rutschen, aber auch nicht zurück kommen, ich dachte, eine Cola richte das schon. Als der Kellner dann fragte, eine Inka Cola, habe ich eigentlich eine peruanische Variante von Cola erwartet, doch das, was ich bekam, hat damit nichts zu tun. – Gestern Abend habe ich es bereits mit einem Pisco sauer versucht, da war mehr Alkohol drin als je, das ist sofort in den Kopf gestiegen und ich war froh, nicht allzu weit zurück zum Hotel zu haben. Den Magen allerdings hat es nicht geheilt.

Gestern bin ich in einer 13-stündigen Busfahrt von Lima aus der Pazifikküste in nordwestlicher Richtung folgend rund 800km weiter nördlich nach Chiclayo gelangt. Es war eine anstrengende Fahrt, obwohl die Busse komfortabel sind, mit Toilette ausgerüstet und auch für das Essen wird nicht angehalten. Mir wäre es eigentlich lieber wie früher. Alle 2 Stunden ein Stopp, damit man sich die Füsse vertreten kann. Und diese doofen Videos die ganze Zeit, darauf könnte ich auch verzichten. Denn merkwürdigerweise parasitieren diese Bildschirme mit Geknalle, Gestöhn, Geschluchz und ich Liebe dich, meine Aufmerksamkeit auf die Landschaft. Der Bildschirm ist immer im Blickwinkel und die stark bewegten Bilder ziehen das Auge offensichtlich magisch an. Viel mehr, als die ruhig vorbeiziehende Küstenlandschaft, das Abendrot über dem Meer, das malerisch und langsam verglimmt. Der schönste Teil der Reise war übrigens direkt am Anfang, gerade nachdem der Moloch Lima nach einer guten Stunde Busfahrt langsam ausfranste und der Einsamkeit wich. Eine Steilküste bestehend aus nackten Felsen und Sandbergen, die sich ins Meer stürzen, ein Meer, das wütend an die Felsen brandet und schäumt. Offensichtlich verlangt diese Strasse, ein Teil der Transamerikana, permanenten Unterhalt, denn sie wird immer wieder von Sand zugeweht, Strassenmaschinen sind am Werk. In gewagten Kurven schlängelt sich die zweispurige Strasse durch die Abhänge, wenig Verkehr, fast nur riesige Lastenzüge und Fernbusse. Später wird es dann flacher, immer noch kahle Bergspitzen ohne Vegetation, doch auch fruchtbare Küstenebenen in denen Zuckerrohr, Mais und etwas Baumwolle angepflanzt wird. Am meisten fallen mir die riesigen Spargelfelder auf. Da wird kaum nur für das Land hier produziert. Für Nordamerika? Oder kann man auch in der Schweiz peruanische Spargeln kaufen? Saison ist nicht im Moment. Auffällig an dieser ganzen Küste, die offensichtlich an bewässerten Stellen fruchtbar ist, sind vor allem die riesigen Monokulturen. Da sind keine Kleinbauern am Werk, das sind Plantagen und Feldarbeiter. Ich sehe manchmal hässliche Ansammlungen von winzigen Häusern, häufig nur aus geflochtenem Schilf bestehend, ohne Schatten kleben sie in den steinigen Hängen, ich befürchte, das, was wie Flüchtlingscamps aussieht, manchmal noch von einer Mauer umgeben, das sind die Wohnorte der Feldarbeiter.
Oder die riesigen, vielleicht hundert Meter langen weissen Zelte, die mitten in der Wüste stehen. Ich frage meine Nachbarin, was das denn sei? Sie meint, Geflügelfarmen, vor allem Hühner. Von was man die ernähre, hier wachse ja nichts? Von Fischabfällen vor allem, vielleicht auch etwas Mais. - Ich werde wohl in Zukunft etwas weniger Pollo bestellen.
Mais ist ein wichtiges Lebensmittel für die Leute in Südamerika. Und das Maisstroh wird ebenfalls verwertet. In Lastwagen wird es herumgekarrt in unfruchtbare Gebiete, wo Rinder, Ziegen und Schafe in Gehegen auf steinigem Boden oder im Sand herumstehen und an diesem Stroh kauen. Auch die Tiere scheinen in Peru genügsamer zu sein.

Neben malerischen Wüstenlandschaften in unterschiedlichsten Farben, Kakteen sehe ich keine, manchmal Dornengebüsch, sie wollen nicht enden bis Chiclayo, auch immer wieder Ausschnitte aus Komödien und Trillern. Einmal muss ich wirklich fast erbrechen, so furchtbar ist das Gemetzel, ich hätte es gerne ruhiger gehabt. Ruhig wiederum ist es in den Dörfern am Strassenrand, kaum Licht, wenige Strassenlampen und die Fahrer scheinen das Gefühl zu haben, dass Licht etwas koste. Ausgestorben wirkt das, obwohl die Gegend gegen Norden dichter besiedelt ist. Zwischendurch halten wir irgendwo an, fahren durch kleinste Gässchen wo der zweistöckige Bus fast nicht mehr durchkommt, halten vor einer mit Neonlampen beleuchteten Busstation, zwei Stühle, wo komme ich da wohl hin? Das mit den Busstationen ist in Peru etwas speziell. Die vielen privaten Busgesellschaften haben alle ihre eigenen, dafür kleinen Stationen überall in den Städten verteilt. Kein grosser Busbahnhof, wo man die Auswahl hat.

Chiclayo erreichen wir gegen 10 Uhr abends. Es ist zum Glück doch etwas grösser und belebt und ich finde ein Hotel, dass gar nicht so schlecht ist. Wenn ich darauf bestanden hätte, wäre es sogar ein Zimmer mit Fernblick geworden, doch ich bin müde und froh, dass mir der Mann am Empfang mein Gepäck hinaufschleppt und getraue mich nicht zu sagen, noch einen oder zwei Stöcke höher hinauf bitte.

Heute entdecke ich die Stadt etwas, die Museen, die die Gegenstände der archäologischen Grabungen aus der Umgebung zeigen, sind leider alle ausserhalb der Stadt. Ich habe keine Lust auf eine geführte Tour, mein Bauch, die Hitze auch, geben mir zu schaffen, ich mache mir einen faulen Tag bis zur Weiterfahrt heute Abend. Schlendere etwas durchs Zentrum, immer dem Schatten folgend, die Praça das Armas ist auch hier der Hauptplatz, die Hauptstrasse mit Bäumen, Geschäften und Restaurants heisst Av. Balta, ein paar Kirchen locken mich wenig, ich kaufe auf dem Markt Bananen ein.

Die Leute hier in Peru sprechen übrigens sehr wenig Englisch, viel seltener als das die Chinesen gemacht haben. Die waren stolz, wenn auch meist scheu und zurückhaltend, wollten aber ihre Sprachkenntnisse ausprobieren, wenn sie welche hatten. Hier in Peru hat erst die Frau an der Rezeption in Lima von sich aus mit mir Englisch zu sprechen begonnen. Sie merkte offensichtlich, dass mir das Spanisch nicht leicht fiel. Sonst hat das noch niemand gemacht. Auch nicht in Tourismusbüros, an Busstationen oder in Hotels. Immer wird Spanisch gesprochen. Und manchmal, wenn mich jemand nervt, die Leute sind hier nicht allzu dienstfertig in ihren Jobs, dann antworte ich auf Englisch. Und habe das Gefühl, dass sie schon verstehen - aber nicht sprechen wollen. Das ist ja verständlich, die Amerikaner sind hier nicht unbedingt beliebt. Überhaupt wir Weissen, Gringo ruft man mir häufig nach, das ist nicht wie in Afrika, wo ein Weisser eben immer noch alleine wegen seiner Hautfarbe Respekt erhält, man traut ihm mehr zu als sich selber, was natürlich schlecht ist und sicherlich ein Grund, weshalb sich Afrika so langsam entwickelt. - Hier empfinde ich das überhaupt nicht so. Heute morgen blickte mich eine Frau nur feindselig an mit ihren dunklen Augen, als ich sie nach dem Weg fragte. Zum Glück aber, gab dann eine andere, die ich gar nicht angesprochen hatte, von sich aus Auskunft. Doch, freundliche und hilfsbereite Leute, die gibt es auch hier. Bisher habe ich immer jemanden gefunden, wenn ich Hilfe brauchte.
Und habe gestern sogar auch erstmals ein Kompliment gekriegt für mein Spanisch. Ich spräche gut, meint der Taxichauffeur. Vielleicht ein Schmeichler, doch trotzdem, mich freut es. Ich habe selber das Gefühl, dass es langsam wieder besser geht.

Vom Wert des Geldes. Peru ist für uns Schweizer billig, 20 Franken reichen für ein anständiges Hotelzimmer, obwohl man es natürlich auch viel teurer haben kann. Für etwa 25 Franken wiederum kann ich rund 800 km in einem Luxusbus fahren, das wäre noch billiger zu haben, doch im Verkehr ist mir die Sicherheit wichtig, die Peruaner sind leidenschaftliche Fahrer und vor allem Huper, da lobe ich mir einen Buschauffeur mit der nötigen Ruhe. Essen kann man ab 2 bis 3 Franken und zwar gut, am schlechtesten habe ich bisher teuer gegessen. Und in den Bancomaten ist der Maximalbezug täglich 400 Soles, also rund130 Schweizer Franken. Das wiederum sagt bereits vieles aus, über das Geld, das die durchschnittlichen Leute hier zur Verfügung haben. Bereits 1 oder 2 Soles Trinkgeld machen sie glücklich, sie scheinen sich das nicht gewohnt zu sein.

Lima, 6.März




Mir fehlt ein Stadtplan von Lima, im Touristenbüro auf dem grossen Platz haben sie mir zwar einen Plan in die Hand gedrückt, doch der enthält einzig den Stadtteil Barranco, ich habe immer noch keine Übersicht, doch bin ich mir bewusst, dass ich hier in einer recht untypischen Ecke wohne. Ähnlich der Halbinsel im Norden von Daresalaam. Für Reiche und Touristen, mit sauberen Stränden und guten Hotels. Ich selber habe immer im Zentrum von Daresalaam gewohnt, dort wo es kaum Touristen gab. Wenn es finster wurde, konnte man nicht mehr hinaus gehen.

Hier also bin ich in einem bevorzugten Quartier, obwohl es keine Luxushotels hat, einzig Backpacker Hostals, der Massentourismus sucht sich wohl bessere Strände aus. Und ich gelte hier offensichtlich als arme Schluckerin, das wird mir bewusst, als ich gestern in ein mir nicht besonders exklusiv scheinendes Restaurant an der lärmigen Hauptstrasse nach Chorrillos essen gehe. Die Preise sind teurer als in Touristenrestaurants, die Gäste offensichtlich die Bewohner der Villen an den Stichstrassen zum Meer, die alle durch Gittertore abgeschlossen sind und bewacht werden. Man schützt sich. Die Strassen weiter gegen das Landesinnere sind nicht mehr abgeriegelt, dafür die Häuser von hohen Mauern umgeben auf denen nicht Stacheldraht, sondern Elektrodrähte befestigt sind. „Achtung Hochspannung“ steht angeschrieben, ein Risiko auch für Katzen, doch von denen sieht man nur wenige, eher Hunde, gepflegte, keine Horden von ausgemergelten Kötern. Wachhunde auch, gestern schaute ich zu, wie ein Schäferhund im Park auf Angriff trainiert wurde. Man muss sich offensichtlich schützen als Wohlhabender hier.
Ich verstehe nur nicht ganz, weshalb man mich immer sofort als Touristin erkennt. Weisshäutige hat es hier ebenfalls viele und derartig teuer angezogen sind die Reichen auch wieder nicht, eher leger. Scheint mir - doch was verstehe ich schon davon..... Die Kellnerin fragt mich sofort „eine halbe Portion“, ich bestelle wieder Cevice und dass ich nur Wasser dazu trinke scheint ihr normal, während die Leute rings herum Cevice gerade als Entree vor vielen weiteren Speisen wähle, sie fragt mich nicht, ob ich weiteres wolle, das scheint klar.
Die Leute hier trinken übrigens selten Wein, manchmal Bier, aber häufig knallbunt eingefärbte Süssgetränke, so dass sich ausser Cola für mich nichts anbietet. Und etwas, das Chicha heisst. Der Wirt schenkt mir gratis ein Glas davon ein als ich frage, was das denn sei. Es hat die Farbe von Rotwein und schäumt leicht und ist ohne Alkohol und süss, aber erträglich, das muss ich mir merken.

Heute ist Sonntag. Büros und ein Teil der Restaurants und Bars sind geschlossen. Im Zentrum von Lima, rings um die Praça Major sind aber die Läden geöffnet, endlich mache ich einen Ausflug dorthin. Die nette Frau am Empfang, die recht gut Englisch spricht, meint, ich solle den Metropolitano nehmen und erklärt mir, wo die Station ist. Der Metropolitano ist nun nicht wie man denken könnte ein Zug, sondern ein Gelenkbus und fahren tut er auch nicht unterirdisch, sondern in der Schneise, die auch für die 6-spurige Stadtautobahn geschlagen worden ist. Zwischen den Spuren und davon abgetrennt fährt also dieser Bus und kommt so nicht in Staus. Die Stationen sind futuristisch, wie in modernsten Metros, Glaswände und Türen, die sich erst öffnen, wenn der Bus angekommen ist. Genial, meint meine Sitznachbarin, jetzt komme man in 25 Minuten ins Zentrum. Und ja, gefährlich sei es dort auch, überall sei es gefährlich hier, man müsse aufpassen. Und hilft mir, an der richtigen Station auszusteigen, denn einen Plan habe ich ja nicht, nicht einmal eine Ahnung, wie das Zentrum heisst. Praça Major und Praça das armas, weiss ich inzwischen. Und beides stimmt auffällig. Die Plätze und Avenidas sind gross, noch viele herrschaftliche buntfarbige Kolonialbauten, und Waffen hat es hier auch auffällig viele. Eine Unmenge von Polizisten, alle bewaffnet mit Maschinengewehren, Panzerwagen mit Wasserwerfern stehen herum, Polizisten mit Schutzschirmen ebenfalls. Da fühle ich mich unwohl. Ist das wegen der bevorstehenden Wahlen? Oder hat man hier Angst, es könnte ebenso gehen wie in der arabischen Welt, die Zeit der diktatorischen Regimes sei nun vorüber? Mein Besuch im Zentrum wird ein kurzer, es ist hier auch viel schwüler als in meinem meeresnah gelegenen Quartier, ich gehe in eine schöne alte Bodega, für Touristen natürlich, und stelle fest, dass der grösste Teil dieser Touristen spanisch spricht und mir deshalb erst gar nicht auffällt. Eigentlich ist klar, dass es in Südamerika viele südamerikanische Touristen hat. Trotzdem bin ich ebenso erstaunt wie in China, dass Europäer und Amerikaner eine Minderheit sind. Das hat eben geändert seit meinen ersten Reisen. Ausser in Afrika, wo man den Tourismus noch immer nicht versteht, reisen die Leute nun überall auf der Welt ferienhalber herum - sobald sie sich das leisten können.
Ich schaue mir noch ein Museum an, ein bekannter moderner peruanischer Bildhauer und ein Maler werden gezeigt. Konkret, expressiv, doch meinen Geschmack trifft es nicht. Dafür geniesse ich es, in eine alte Villa aus der Kolonialzeit zu kommen. Damals hat man noch gewusst wie bauen in heissen Ländern. Die Gebäude sind gut durchlüftet, Innenhöfe und Dachluken bringen ein Maximum an Wind ins Innere ganz ohne Ventilatoren.

Pisco sauer ist keine schlechte Variante für einen verwirrten Magen. Irgend ein Schnaps, Zuckerrohr?, plus Limettensaft und Eis. Ich habe das Gefühl, dass dies den meinigen, der ob dem kolonialen Sandwich am Mittag in der historischen Bodega - Schinken und Käse für eine Familie und stinken tut das ganze auch noch nach Schweissfüssen, ich nehme an der Käse – nicht so recht zufrieden ist. Allerdings wird er beim Nachtessen von dem Salat und der Vorspeise, Papas, dem Preis nach kann das nicht viel sein, denke ich, erneut k.o. geschlagen. - Das erinnert mich an meinen Sprachaufenthalt in Barcelona, vor rund 35 Jahren. Ich habe es in Spanien nie geschafft, meinen Teller fertig zu essen.

Heute ist Karneval im Barranco, viel Verkehr, Verkehrspolizisten, auch Frauen, die mit energischem Winken die Fahrer antreiben und nur ab und zu an die Fussgänger denken. Musik hat es nur ganz kurz am Nachmittag, Karneval scheint hier zu bedeuten, dass die jungen Leute spärlich bekleidet dafür reichlich mit Farben eingeschmiert, alles wild durcheinander, man sieht da kein Konzept, in den Strassen herumstehen und gehen, essen und trinken. Der Spuk dauert nicht lange, bereits ca. um 9 Uhr abends entvölkert sich das Quartier.



Donnerstag, 10. März 2011

Lima, den 5. März 2011







Das Klima von Lima ist nicht einfach zu beschreiben. Palmen, Bougainvilleas, weitere Tropenpflanzen, doch keine tropischen Baumriesen gedeihen. Eine Kakteensammlung in einem der Parks, die in den guten Quartieren oben an der Felskante liegen, gedeiht gut und hat ganz besondere Exemplare. Ein Kaktus fällt mir auf, der von weitem wie ein Bäumchen aussieht. Kräftiger Stamm, oben eine Baumkrone gebildet von dicht gedrängten dicken, stacheligen Trieben. Auch eine Araukarie, Bäume die weiter südwärts in Chile gedeihen, sehe ich. Arten von gemässigtem Klima und solche von tropischem. Und ich denke, ohne Bewässerung, wären es eher Kakteen, die hier überleben. Die Hügel rings um die Stadt sind braun, scheinen mindestens von weitem ohne Vegetation zu sein. Die Temperaturen sind angenehm, hier ist Herbst, am Abend bin ich froh um einen Schal um die Schultern. Dort wo der Meerwind nicht hinreicht, wird es sofort schwül, das merkte ich, als ich gestern Nachmittag eine Siesta machen wollte und wegen dem Lärm die Fenster schloss. Ich bin schweissgebadet erwacht. Obwohl ich ja Glück hatte. Mein Zimmer ist gegen Süden ausgerichtet und so sorgte ich mich bei der Ankunft etwas, es könnte dann ab Mittag hier drinnen heiss werden. Unterdessen habe ich festgestellt, dass die Sonne hier nordwärts durchzieht.
An der Küste sehe ich am Morgen Wolkenfetzen, die an den Felsen und Hügeln kleben, die Feuchtigkeit des Meeres, gegen Mittag sind sie weg, dafür hat es am Abend ostwärts, Richtung Anden eine schwarze Wolkenwand, die bedrohlich aussieht, doch Regen fällt hier wohl selten.

Gestern in der Mittagshitze, als ich mich für eine halbe Stunde am Strand auf einen Steinblock setzte um zu zeichnen, verbrannte ich mir gleich die Fussrücken, die hatte ich nicht eingecremt. Zu dieser Zeit begannen die Leute an das Meer hinunter zu strömen. Der Strand hier ist nicht unbedingt das, was wir uns unter einem Traumstrand vorstellen. Bereits die vierspurige Schnellstrasse verhindert das. Doch auch der Strand selbst ist wenig verlockend, grauer Sand teilweise, häufig grobes Kies, keine Bäume. Trotzdem werden hier Sonnenschirme und Liegestühle vermietet, werden Getränke und Speisen von fliegenden Händlern angeboten, Plastikeimerchen in buntesten Farben für die Kleinen, selbst Badeanzüge und Sonnenbrillen werden feilgeboten. Diese Kleinhändler überall: Leute, von denen ich mich auch in Afrika immer gefragt habe, wie die wohl überleben. Sie tun es offensichtlich. Irgendwie.
Auch die Peruaner haben das Strandleben entdeckt. Momentan wird übrigens die Strandpromenade verschönert. Geteerte Parkplätze werden gebaut, auch Unterstände mit Bänken, die etwas Schatten spenden. – Mir selber gefällt das Meer viel besser beim Ausblick oben von den Klippen. Das Meeresrauschen, die Brise, der Blick bei Sonnenuntergang.

Irgendwie erinnert mich Lima an Biarrizz. Die Felsklippen, darüber Liegenschaften. Dort wie hier waren früher am Rande alte verspielte Villen des letzten Jahrhunderts. Doch dann wurden bis zu 15-stöckige Wohntürme davor gebaut, die alten Liegenschaften sind nun vom Meer abgeschnitten. Und zerfallen, werden zum Kauf angeboten, teure Appartementhäuser, das bringt mehr Geld, nur wenige werden restauriert und überleben. Wenigstens sind es hier in Lima architektonisch spannende, teure Gebäude - das ist in Biarrizz, wo der Bauboom in den 60-er Jahren einsetzte, nicht gleich, langweilige Betonriegel versperren die Sicht auf das Meer. Eine Frage drängt sich auf: Wer sind die doch offensichtlich zahlreichen reichen und superreichen Peruaner? Die muss es geben.
Ein weiterer Unterschied besteht in den Felsen selbst. Während in die Felswände von Biarrizz in den 20-erJahren kunstvolle Wege und Gärten angelegt wurden, wäre das in dem brüchigen Gestein hier, Nagelfluh scheint mir das, runde grössere Kiesel in eine bröckelige Masse eingelassen, schlecht möglich. Das Meer nagt am Kontinent, die seltenen Regenfälle helfen ebenfalls, unten an der Schnellstrasse verrottete Zäune, die den Steinschlag verhindern sollen, Abfall klebt an den Felsen, dort wo sie etwas stabiler sind werden sie von Morgenblumen und anderen Schlingpflanzen teppichartig überwuchert. – Mir gefällt die Idee: eines Tages wird die Erosion diese Hochhausbarriere gefällt haben, die Gebäude werden abrutschen und wieder verschwinden.

Sonntag, 6. März 2011



Lima, den 4. März 2011

„No usar en caso de sismo o incendo“ lese ich unten am Lift angeschrieben. „Zona secura en caso de sismo“ steht an einer Betonstütze. „Ruta de escape en caso de sismo“ wiederum an verschiedenen Orten in der Stadt und unten am Meer. Dort aber auch noch „Ruta de escape en caso de tsunami“, obwohl es einen Tsunami hier noch nie gegeben hat (und man den Weg gar nicht finden würde, ich mindestens habe keine Ahnung was damit gemeint ist). Also doch, Erdbebengefahr, das habe ich mir ja gedacht, von der Lage der Stadt her ist das logisch. Die Betonstütze, die etwas unorganisiert in einem Winkel meines Hotelzimmers frei steht beruhigt mich aber, man hat offensichtlich danach gebaut, das Gebäude ist nicht alt. In dieser Gegend werden allgemein alte niedrige Gebäude ersetzt durch neue und höhere. Dass unten vor meinem Fenster auch Baustellen sind, das habe ich bereits gestern Nacht bemerkt. Nur war ich da zuversichtlich, die sehen ganz so aus, wie wenn sie nur ab und zu in Betrieb sein würden, dann, wenn Geld vorhanden ist um weiter zu machen. Heute Morgen gab es deshalb auch keinen Baulärm, einzig ein Pekinese, der auf ein Dach kam hat mich wütend angebellt hat. Wieder ein Gebrüll, ich nehme an, dass es in der Nähe eine Schule hat und dort gerade Pause ist, ein Ausrufer bietet irgendetwas an, die Peruaner sind alles andere als ruhige Leute, das stellte ich bereits gestern Abend fest. Ich wollte Ruhe. Und schlief dann trotzdem sofort ein. Klar, das ist immer etwas, woran man sich gewöhnen muss. Auch die Chinesen schienen mir lärmig und die Afrikaner palavern laut und lachen, wir Schweizer sind da eben schon sehr empfindlich. Gehupe, Autolärm, das ebenfalls und alles hört man hier besser, denn die Fenster stehen in warmen Ländern offen.
Obwohl das erste, was ich heute Morgen gehört habe, Vogelgezwitscher war. Ich bin um sechs Uhr nach sechs Stunden Schlaf wieder aufgewacht, wollte eigentlich liegen bleiben, doch es war bereits hell und ich spürte, dass weiter liegen nichts bringen würde. So erkundete ich mein Zimmer. Sehr weite Sicht über niedrige Häuser bis an einen weit entfernten kahlen Hügel, Favelas ziehen sich daran empor, sehe ich mit dem Feldstecher, bunt bemalte kleine Häuschen kleben an den steilen, ausgetrockneten braunen Hängen.

Ich solle das Fenster besser schliessen, meint der Taxichauffeur gestern Abend. Wegen der Diebe. Das Quartier um den Flughafen herum sei nicht sicher. Der Hafen eben auch, immer bei Häfen sei es gefährlich, meint er. Mein Quartier, der Barranco, das sei kein Problem. Touristisch, viel Polizei, keine Kriminalität, da sei ich sicher. In einer gut 1-stündigen Fahrt erreichen wir das Hotel. Der Chauffeur behauptet, er kenne das. Und beginnt dann sofort herum zu fragen durchs offene Wagenfenster, wo denn diese Strasse sei, sobald wir in das Quartier gelangen. Ich glaube ihm natürlich nun nicht mehr, dass er das Hotel kennt, soviel Spanisch verstehe ich auch noch, und meine zu ihm, einen Stadtplan, das brauche es nicht hier, genügend Auskunftgeber am Strassenrand. Wir finden dann das Hotel auch ohne Umweg. Entlang der Schnellstrasse am Meer, hat es viele Parkplätze, auch oft parkierte Autos im Finsteren, Liebespärchen nehme ich an. So gefährlich kann das Leben hier also doch nicht sein.

Auf meinem ersten Spaziergang verlaufe ich mich fürchterlich. Das ist merkwürdig, eigentlich habe ich einen sehr guten Orientierungssinn. Und stelle dann erst spät fest weshalb: Die Sonne steht hier im Norden. Daran hätte ich doch denken müssen, gestern im Flugzeug ist mir ja aufgefallen, dass die Sonne irgendeinmal am Nachmittag nicht mehr von Süden, sondern von Norden direkt zu meinem Fenster herein geschienen hat. Wir hatten den Äquator überquert. Das ändert alles, wenn man sich zu orientieren versucht. Statt nach Süden, bin ich der Strasse Richtung Norden gefolgt. Der richtigen mindestens und so war der Fehler dann recht gut auszubügeln. - Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie es für mich am Anfang in Sansibar war, dort steht die Sonne ja entweder im Norden oder dann praktisch direkt über einem am Mittag. Nur hat die verwinkelte Stone Town wohl noch ganz andere Orientierungsprobleme geboten, das fiel gar nicht mehr ins Gewicht.

Als ich vom Strand wieder in die Stadt hinauf komme, esse ich unterwegs auf einer Restaurantterrasse Cevice. Wunderbar, frischer roher Fisch in Chilipfeffer und Limettensaft mariniert und mit frischem Koriander gewürzt, dazu viele rohe Zwiebeln, Maiskörner, andere geröstete Körner und ein oranges Wurzelgemüse, es könnten Süsskartoffeln sein. Und natürlich ganz bestimmt etwas, zu dem einem in einem Reiseführer am Tag nach der Ankunft in einem fremden Land dringend abgeraten würde. Ich selber sorge mich einzig etwas über die rohen Zwiebelringe. Das war einfach zu gut, da konnte ich nicht widerstehen.

Disco ist hier immer und überall. Ich bin am Nachmittag zurück ins Hotel gekommen, ich möchte mich noch etwas ausruhen, den fehlenden Schlaf mit einer langen Siesta ausgleichen. Doch neben Gehupe und lauter Musik aus irgend einem Fenster, auch laute Stimmen, jemand singt mit der Musik mit, ein Gehämmer nun doch, alles ist für mich momentan etwas gedämpft, ich bin bereits in das berauschte Dasein meiner Tropenstimmung abgerückt, die Realität verschwimmt.

Übrigens: Das Cevice mit den vielen Zwiebeln hat sich erstaunlich gut verdaut. Ob dies an der Art der Zwiebeln, an ihrer Zubereitung oder nur daran liegt, dass die Anspannung der letzten Tage vor der Reise von mir abgefallen ist? Am Abend esse ich auf alle Fälle noch einen riesigen Teller

chinesischen gebratenen Reis, viel Poulet und eine Unmenge knackig gekochte Broccoli, Krautstiele und Kefen. Die Portionen hier sind mehr als grosszügig. Ich kämpfe mich mit bestem Willen nie ganz durch. Kein Wunder, dass die meisten Leute doch etwas beleibt sind. Gedrungen und muskulös übrigens auch, ich gehöre hier zu den grossen Frauen. Das habe ich nicht erwartet.
Und wurde bereits mehrmals für eine Asiatin gehalten. Chinesin, Koreanerin? Dem Portier im Hotel sage ich halb. Man muss ja nicht immer ganz bei der Wahrheit bleiben, denn ich nehme das als ein Kompliment. Auch ich frage mich hier häufig, ob es sich um Asiaten handelt. Es soll ja recht viele Chinesen hier geben. Auch das Restaurant eben, das zwar gar nicht so aussah, ich stellte das erst bei der Speisekarte fest. Die ich schlecht verstand, weshalb ich Pollo wählte, kein Ort wo Ausländer hinzugehen scheinen. Chinesen also - oder vielleicht häufig auch nur die Ähnlichkeit, die Indios mit Asiaten haben. In ferner Vergangenheit sind sie ja von dort eingewandert.


3. März 2011

Der Start in Genf war eindrücklich. Das Flugzeug wurde mit einer orangen schäumenden Flüssigkeit eingesprüht, ein Entfrostungsmittel schient es, das habe ich vorher noch nie beobachtet. Beim Abflug - der ist rasch und steil, obwohl das Flugzeug voll ist - fliegt dieser Schaum weg, mein Nachbar schläft, scheint nichts von der Beschleunigung zu spüren, oder tut er nur so, weil er Angst hat?
Erst fliegen wir Richtung Osten über den See. Dunstigtrüb die Sicht, die Wellen, die alle von Osten gegen Westen fliessen zeigen mir, dass die Biese noch anhält. Wie eine sich runzelnde Flüssigkeit sieht das aus, an den Seeufern gebremst, die Wellenlinien bilden einen Bogen, der in der Seemitte vorwärts strebt. Doch bereits rasch durchbricht das Flugzeug die Wolkenschicht, Sonne blendet mir ins Gesicht, wir fliegen nun über dem Weiss, eine Drehung gegen Norden, der zähe Wolkenschaum wird hier vom Jura aufgehalten. Wie ein Staubecken wirkt das Mittelland, der Schaum übertritt den Gebirgsrand auch dort nicht, wo keine Bergspitzen emporragen. Nordwärts dann abfallende Juraketten, Schnee auf den Höhen, die Täler sind aper, einmal ein Nebelband über einem vermuteten Tal, ein Becken gefüllt mit undurchdringlichem Grau, die Topografie der Gegend lässt sich erahnen, dann schieben sich erneut Wolken unter das Flugzeug.

Später schauen daraus nochmals kantige Bergspitzen hervor, Schnee, keine Siedlungen, keine Skilifte, eine einzige Strasse sehe ich, das müssen die Pyrenäen sein. Wunderschön glänzend in der Sonne. Westwärts fällt das Gebirge dann ab, der Schnee schwindet langsam, dunkel bewaltete Bergrücken, später ockerbraune Flächen, ein paar Siedlungen und erneut Wolken.

Wi-Fi-Area lese ich im Flughafen von Madrid. Und nehme sofort mein Labtop hervor. Die Sache startet langsam, und schliesslich bemerke ich, dass sie 5 Euros pro halbe Stunde kostet. Wir sind hier nicht in China, wo solches gratis ist, ich lasse es bleiben. Auch gestern Abend habe ich die versprochenen mails nicht mehr losgeschickt. Zu müde. Die kommen dann halt von Lima.

Der Flughafen von Madrid ist sehr schön, ein modernes Gebäude mit gewelltem Dach, jedoch engere Wellen als bei Renzo Pianos Museumsbau, das gleicht sich überhaupt nicht. Der Flughafen ist riesig, ich habe eine halbe Stunde von einem Gate zum anderen, doch laufen ist gut bei diesen langen Flügen, ich benutze die Rollbänder nicht. Eine Metro fährt zwischen den verschiedenen Gebäudeteilen, einzig der Flugverkehr scheint mir hier nicht gigantisch. Wenige Flugzeuge landen und starten, fast nur IBERIA. Die Spanier verstehe ich noch erstaunlich gut, bin aber erstaunt über ihre Unfreundlichkeit. Nicht dass sie mühsam wären, das könnte ich nicht sagen, aber nicht einmal die Stewardessen können sich ein Lächeln abringen. Und die Flughafenangestellten wirken abweisend. Ist das Leben hier derartig hart?

Vor der Landung übrigens noch ein sehr schönes optisches Phänomen. Schade, dass ich die Videokamera nicht im Handgepäck habe, denn so etwas habe ich noch nie gesehen. Auf der hellen Wolkenschicht bewegte sich ein kreisförmiger Regenbogen über die Wolken, innen gelb und gegen aussen dunkel, grün und blau. In der Mitte eine Art Rechteck, ich vermute, dass es der Schatten des Flugzeuges ist, denn der Kreis verfolgt uns. Das bewahrheitet sich. Als wir tiefer fliegen, nimmt das Rechteck Konturen an, bekommt Flügel, wird schliesslich vor dem Eintauchen in die weisse Watte riesig, die Konturen verfliessen. Witzig dieser Moment, Wolkentürme ragen hoch, der Flugzeugschatten mit seinem Heiligenschein wird riesig, danach wieder winzig, dort wo die Wolken tiefer liegen. Woher kommt wohl dieser kreisförmige Regenbogen? Ein optischer Effekt des Fensters? - Unterhalb der Wolkenschicht dann kleinflächige Felder, rote Erde meist, manchmal auch lehmfarbenhell, die Farben mischen sich mit weichen Rändern, Flecken, Flussläufe, es scheint nichts mit der Topografie zu tun zu haben sondern mit der Qualität der Böden. Häufig sind die Flächen von regelmässigen dunklen Tupfern übersäht, Olivenhaine, nehme ich an.

Vier einsame Hochhäuser ragen dicht beisammen hinter dem Flughafengebäude von Madrid in den grauen Himmel auf, in dieser Richtung muss Madrid liegen, der Flug führte nur über Industriegebiete, vom Zentrum habe ich nichts gesehen. Vier einsame Hochhäuser am weiten Horizont. Auch darin unterscheidet sich Spanien von China, wo sich die Hochhäuser zu Igelpelzen vereinen, so weit das Auge reicht.

Immer noch der 3. März, ein unheimlich langer Tag, 22:53 Ortszeit. Häufiges Hupen dringt bis zu meinem Zimmer im 5. Stock hinauf, die Stadt wird man auch in luftiger Höhe nicht los, die Leute sind laut hier in Lima. Nur leider auch meist ziemlich besoffen um diese Zeit. Auch ich bin nach der ersten grossen Flasche Bier - 630ml enthält sie - angesäuselt.
Der Lärm von Lima hat mich bei meiner Ankunft gestresst. Ruhe wollte ich. Nach einer 20-stündigen Reise endlich ankommen. Doch das ist ein Traum hier. Bereits die schwindelerregende Höhe des sehr schmalen Hotelgebäudes stresst mich. Wie könnte ich da fliehen bei Feuer? Oder Erdbeben, die Westküste Amerikas scheint ja eine Gefahrenzone zu sein, kürzlich in Chile, weshalb nicht nächstens etwas weiter nördlich? Das macht mir Angst heute bei meiner Ankunft. Auch der kurze Spaziergang im Quartier. Eine Ausgehmeile offensichtlich, die Männer quatschen mich alle an.- Alleine hier? Ich sage ja, denn mit meinen bald 55 Jahren schient mir da keine Gefahr mehr zu bestehen, doch bei diesem Machogehabe bin ich nicht einmal so sicher. Obwohl die zwei besoffenen Typen, die mich später an ihren Tisch einladen, mich dann doch widerstandslos ziehen lassen, als ich sage, ich sei müde und wolle gehen. Einer davon meint stolz, er sei ein Banker. Habe viel Geld, zeigt mir immer wieder seine Noten, will bezahlen, doch ich lehne freundlich aber standhaft ab. Bin wohl sowieso bereits zu weit gegangen für den ersten Abend auf einem neuen Kontinent.

In den Strassen stinkt es nach Urin. Ich werde mich daran gewöhnen müssen. Und nach dem ersten Schock über das Hotel, muss ich doch sagen, eine gute Wahl. Ich begegne wenigen ausländischen Touristen hier, in dem Sinne also gewiss authentisch. Wenn auch völlig ohne Charme die Zimmer, verfleckte Spannteppiche, doch immerhin, der Ausblick vom Fenster gefällt. Und der erst verschlossen wirkende Rezeptionist empfängt mich auch bereits freundlich. Diese Indiotypen schauen immer erst einmal düster drein, das verwirrt mich. Wahrscheinlich muss man ihnen Zeit geben.