Dienstag, 12. April 2011

Bandeiranthe II, 9.April









Gegen 3 Uhr morgens drosseln die Schiffsmotoren, der Seemann war präzise, ich bin bereits wach und gehe an Deck. Die Scheinwerfer des Schiffes suchen das Ufer ab, noch ist es menschenleer, wir warten in der starken Strömung bis sich die ersten Leute zeigen. Die Landung in der engen Bucht ist schwierig, hier fahren die Boote nicht wie in Peru einfach mit dem Bug gegen das Land, das Schiff dockt seitwärts an einem grossen, gedeckten, metallenen Floss an, davor schwimmen mächtige Baumstämme, die eine weiche Landung garantieren. Mehrmals muss der Kapitän vorwärts und rückwärts manövrieren, bis der Schiffsbug endlich parallel zum Floss liegt. Ist wohl gestern doch etwas an der Steuerung beschädigt worden? Etwa 15 Passagiere stiegen aus, dadurch wird aber der Hängemattenraum nicht leerer, die müssen im untersten Deck mitgefahren sein. Darauf werden 4 neue Motorräder ausgeladen, eine kniffelige Sache, denn der Landesteg liegt schlecht und muss immer wieder verschoben werden, das Schiff bewegt sich ständig. Nun beginnt die Familie, die am Schluss noch ihren Hausrat aufgeladen hat, den wieder auszuladen, Kühlschrank Tisch und Stühle, ein Doppelbett und ein Kinderbett, ein Küchenschrank, ein Fernseher, Grillgeräte mehrere, eine Strassenküche vielleicht, und schliesslich noch eine riesige Parabolantenne. Gleichzeitig wird vom Land her ein ganzer Berg leere Bierharrassen eingeladen, alles über die gleiche Holzlatte, das funktioniert erstaunlich gut, ein paar Kartonkisten ebenfalls. Am Schluss werden noch die riesigen Plastikwasserbehälter, halbe Schwimmbäder sind das, aus dem Schiff ausgeladen. Alles von Hand, versteht sich. Zum dritten Mal tutet nun das Schiff, diesmal wird es ernst, die früheren Hornstösse tönten für mich eher wie ein „beeilt euch“ an die Mannschaft oder „wenn jemand noch kommen will dann soll er das jetzt“. Nach knapp einer Stunde legen wir ab. Der Mond ist inzwischen verschwunden, doch die Sterne leuchten immer noch am Himmel, eine klare Nacht, suchend tasten sich die Bootsscheinwerfer wieder auf das offene Wasser hinaus.

Morgens 8Uhr, ich habe offensichtlich nochmals gut geschlafen, geträumt auch, ich sei auf einer Lancha, nur das sie ganz anders aussah als in Wirklichkeit, und dies im Halbschlaf sogar bemerkt habe. Zum Frühstück gibt es Milchkaffee, leider bereits stark gesüsst, doch wenigstens warm, Brot mit Salzbutter bestrichen, Rührei und gekochten Maniok. Ich begnüge mich mit Kaffee und Weissbrot, immer noch ein flaues Gefühl im Magen, inzwischen niesen viele Leute auf dem Schiff, das Regenwetter seit einigen Tagen, gestern ein kurzer Unterbruch, heute bewölkt und leichter Regen. Nach dem Frühstück laufen wir Anapurà an, ein grosses Dorf oder kleines Städtchen. Oben am Hangabbruch die neuen gemauerten Quartiere, unten am Wasser Holzhäuser auf Stelzen. Häuser über dem Wasser, das scheint einem ursprünglichen Bedürfnis der Menschen zu entsprechen, bereits die Pfahlbauer haben so gebaut. Auch in Leticia war nur das ganze moderne Verwaltungszentrum und die neuen Wohnhäuser alle auf dem 10 bis 20 m hohen Uferabbruch, vor saisonalen Überschwemmungen geschützt, errichtet worden. Momentan wird in Leticia am Wasser eine breite, schön gestaltete Uferpromenade geschaffen, welche die Häuser dahinter vor den jährlichen Überschwemmungen schützen wird. Ob die Bewohner, insbesondere die Kinder, darüber glücklich sind, das weiss ich nicht, hygienischer ist es ganz bestimmt.

Auch in Anapurà wirft wieder derselbe Bootsjunge die Taue an Land, der mir die Steckdose zu flicken versuchte, ins Wasser getaucht ist und die Bootsschraube befreit hat, in der Küche sehe ich ihn zu den Essenszeiten, beim Abladen in der Nacht hilft er auch tatkräftig mit und heute morgen wischt er das Deck. Wird denn hier alle Arbeit dem Jüngsten überlassen? Er scheint nicht unglücklich darüber zu sein. Bei diesem Stopp steigen wiederum ein paar Leute aus, der Hängemattenraum ist nun halb leer, woher das Gerücht, in brasilianischen Schiffen sei es immer total überfüllt? Man sollte sich nicht auf solche Hinweise verlassen, das kann von Tag zu Tag ändern. Auch unser Frachtraum ist nun praktisch leer, nichts Neues wird eingeladen, einzig ein paar Kochbananenbüschel, die auf dem Landungssteg angeboten werden, wechseln den Besitzer. Ich überlege mir, ob ich Essbananen kaufen soll, tue es aber dann doch nicht, die riesigen Bündel wollen sie nie aufteilen, das ist mir zuviel, Vitamine später wieder. Anapurà fällt durch seine blaue Kirche auf, wir bleiben nicht lange an diesem Ort an der Mündung eines Seitenflusses.

Ich habe die Zeit verloren. Weiss zwar, dass ab der Grenze zu Brasilien die Uhren eine Stunde vorgestellt sind, auch mein Natel und mein Computer melden mir den Zeitwechsel – verspätet, ich habe ihn bereits manuell gemacht – und haben nun beide unterschiedliche Zeiten. Keine Ahnung welche die Richtige ist. Die Passagiere kommen wieder alle frisch geduscht und duftend, neu eingekleidet aus den Toiletten-Duschkabinen, bereits gestern Abend taten sie das, die müssen ja denken - ich versuche es dann in der Mittagshitze. Der Esstisch, steht in der Mitte zwischen den beiden Duschkabinenreihen hinten im Schiff, durch halbhohe Bretterwände davon abgetrennt und gegen die Küche zu offen. Ab und zu ein übler Geruch aus geöffneten Türen, unvermeidlich wohl, denn heute Morgen wurden sie gereinigt.

Santo Antônio do Iça, über die Zeit will ich nichts mehr sagen, ich habe sie ja verloren, irgendeinmal vor Mittag, nehme ich an, diesmal kaufe ich doch Bananen, die einzigen Früchte, die angeboten werden. Umgeladen wird wenig, zwei neue Motorräder werden ausgeladen, man sieht keine Ortschaft, doch eine neue Strasse schneidet sich durch den Abhang hinauf und ein Boot mit Bausand wir eben entladen, eine Ansiedlung entsteht.

Erstmals werden wir wieder von einem Militäraufgebot erwartet, eine Gruppe hoch gewachsener bewaffneter Männer entert das Schiff. Nochmals eine gnadelose Kontrolle, alles Gepäck wird durchsucht, die Leute im Hängemattensaal nehmen das gelassen, normal, Drogen und Kolumbien. Auch die Kabinen werden darauf von den ernst dreinblickenden Militärs durchsucht, die ganze Mannschaft, selbst in die Wassercontainer und unter die Deckenverstrebungen wird geguckt. Bei mir geht es diesmal gnädig ab, einzig meinen Pass muss ich zeigen, Schweizerin, okay, ich muss nichts auspacken. Auf dem Bardeck oben nähert sich mir dann einer der Militärs in Englisch. Allein unterwegs? Ein zweideutiger Blick, ein Charmeur ganz offensichtlich, sieht gut aus, die Brasilianer ganz allgemein, das wird gefährlich - so ernst ist das ganze also doch wieder nicht. Die Barmaid zieht einen Wegwerf-Plastikhandschuh über und bereitet einen Toast, mit der Hygiene scheint man es hier ernst zu nehmen, auch die Militärs zeihen sich welche über, bevor sie Gepäckstücke durchsuchen. Endlich verlassen die Uniformierten das Schiff, Daumen hoch von der Anlegestelle her, alles gut, endlich können wir gehen.

Ich nehme nun eine Dusche, gar nicht so schlimm, dann gibt es das Mittagessen. Das wird um 12 Uhr serviert, ich habe die Zeit wieder gefunden, das Telefon hatte recht, der Computer nicht, die Mahlzeit ist erstaunlich gut. Aus einer Luke im Boden holt der Schiffsjunge die Schüsseln empor, das habe ich mir doch gedacht, viel zu klein hier oben, die Küche muss gerade neben dem Maschinenraum liegen. Ein grosses Stück schmackhaftes Poulet, Reis, Teigwaren, da verzichte ich darauf, Bohnen und ein Salat aus Gurken und Tomaten, zum Dessert erst noch ein Stück Papaya, jeder nimmt soviel wie er will, ich bin überwältigt. Teller muss man nicht selber mitbringen, der Schiffsjunge betätigt sich jetzt als Tellerwäscher, ein älterer Dürrer trocknet sogar ab, wir kriegen sauberes Geschirr in der letzten Schicht, der Tisch wird immer für 10 Leute gedeckt. Gesprochen wird nicht während dem Essen, das wäre auch schlecht möglich, der Tisch steht ja genau über den Motoren, der Lärm hier ist ohrenbetäubend, doch auch oben in der Bar sitzen die Leute meist einzeln an den Tischen, nur vier Schwarze sitzen immer zusammen und spielen Karten. Brasilianer scheinen weniger kontaktfreudig zu sein als Peruaner - oder ist das eine voreilige Bemerkung? Ich selber bin ja auch nicht gerade offen mit den Leuten, mein Brasilianisch ist miserabel, finde ich, das muss man spüren, diese Unsicherheit.

Tonantins gerade nach dem Mittagessen, auch hier entsteht eine neue Hafenanlage. Nun regnet es wieder. Alles andere als einfach für die Passagiere, die ein- und aussteigen müssen, den rutschig verdreckten Abhang zu erklimmen. Ein kurzer Halt, Waren werden kaum verschoben unser Schiff bleibt halb leer.

Auf meiner Karte stelle ich fest, was mir von verschiedener Seite bereits angedeutet wurde, eine Unlogik, zweimal der Zusammenfluss zum Amazonas, das erste Mal – und einzig richtige, wie mir Antonio aus Iquitos beteuert – bei Nauta, als der Rio Maranon und der Rio Ucayali zusammenkommen. Ab der Grenze von Peru heisst dieser Fluss dann allerdings nicht mehr Amazonas, sondern Solimoes und wird erst zum Amazonas, wenn er nach Manaus mit dem Rio Negro zusammenfliesst. Nun streiten sich eben Peru und Brasilien über den Entstehungspunkt des Amazonas.

Eine Siesta in der Hängematte, ich fühle mich ziemlich matt, keine Medizin gegen Grippe im Gepäck, das Aspirin geht auch dem Ende zu. In meinem Reiseführer lese ich, dass in Brasilien mehr als 50 Prozent Weisse leben und darunter die Oberschicht zu finden ist, der Rest sind Mischlinge zwischen Schwarz und Weiss oder ganz Schwarz, nur eine verschwindend kleine Anzahl sind Abkömmlinge von Indianern. Das sieht man den Leuten bereits hier im Amazonasbecken an. Sie sind hoch gewachsen, ein Mongolischer oder eben Indigener Einschlag in den Gesichtern ist selten.

Nacht bereits. Eben gerade werden die Toiletten frisch geputzt, wieder der Schiffsjunge, danach schrubbt er die Küchenausgabe und lässt die Plastikplanen im Hängemattenraum für die Nacht hinunter. Vor dem Mond ziehen ab und zu helle Wolkenfetzen vorüber, manchmal verdichten sie sich zu dunklen Schatten und wenn diese grossflächig werden, so zeigt sich der Mond dahinter in einem hellen Kreis. Ich finde, er habe etwas zu genommen. Recht ist das, ich mag es, wenn aus der Finsternis die Ufer in seinem kalten Licht auftauchen. In meiner Hängematte schläft jemand, ich befürchte, es ist der betrunkene Junge, der mit ein paar Leuten beim letzten Stopp zugestiegen ist. Die Männer haben den ganzen Nachmittag in der Bar gebechert, bis der Steuermann, wie ich ihn nenne, Uniform trägt ja hier keiner, findet, es sei nun genug und sie hinunter schickt und ihre halbvollen Biere in den Fluss leert. Nach dem Nachtessen sehe ich den Jüngsten davon über die Reeling gebeugt sich erbrechen, das war wohl zuviel und seine Hängematte hat er dann auch nicht mehr gefunden.
Eine Frau schreit laut in ihr Telefon, muss sie ja, wenn sie die Schiffsmotoren und die Barmusik übertönen will, Empfang wieder einmal, wir sollten nächstens in Juntai anlegen, an den Ufern immer noch kein Licht. Den ganzen Nachmittag über sind wir durch praktisch unberührtes Gebiet gefahren, keine Spuren von Siedlungen, auch Schiffe kreuzen wir keine, ein endloses Netzwerk von Flussläufen, was Insel, was Festland, ich habe keine Ahnung. Doch, es gibt ihn noch, den unberührten Urwald in Brasilien. Und ein tolles Gefühl, sich vorzustellen, wie hier ein lärmendes kleines Schiff ganz einsam diese weite Landschaft quert, so weit das Auge reicht nur Wasser und Wälder und weiter Himmel. Etwas Verrücktes hat das, ich fühle mich sehr glücklich trotz meiner angeschlagenen Gesundheit.
Der Steward, so nenne ich nun den Schiffsmann, der mich immer zum Essen ruft und am Tisch dafür sorgt, dass alle genug kriegen und der Tisch sauber bleibt, meint, nein, an den Krach der Schiffsmotoren, an den habe er sich nicht gewohnt. Niemals könnte er schlafen hinten im Hängemattenraum, einzig in seiner Kajüte, sie liegt gerade vor meiner, gehe das, wenn er die Türe zuschliesse.

Endlich das Schiffshorn, nun sehe ich Lichter auftauchen, Juntai, ich muss auf meinen Beobachtungsposten, die Tage sind intensiv hier. - Diesmal docken wir nur kurz an einem bereits angelegten ungefähr gleich grossen Schiff an, es ist noch weniger gefüllt als unseres, für uns gibt es nichts zu tun, die Lichter der Ortschaft entschwinden bereits wieder und leuchten mit dem Sternenhimmel um die Wette. Im April und Mai seien die Schiffe oft fast leer, meint der Steward.

Eine Frau zeigt mir ihre am Ansatz eingerissene Hängematte, ich meine fragend „zu schwer“, das war nicht gerade diplomatisch, nein, die Kinder, meint sie. Ich leihe ihr Faden und Nadel, sie ist froh darum. - Zum Nachtessen gibt es die Reste des Mittagessens, das ist legitim, dazu neu ein Gericht aus Hackfleisch und Kartoffeln, das mir sehr gut schmeckt. Um die Teigwaren machen alle einen Bogen, die kriegen wir bestimmt morgen nochmals aufgetischt. Der Steward, der zuletzt isst, will sie auch nicht und verlangt nach Brot, in welches er die Hackfleischsauce einpackt. Ich sage „Hamburguesa“ und alle lachen. Auch die Kapitäne kriegen heute diese Speise. Der Steward bringt sie ihnen zusammen mit einer Thermosflasche hinauf, man sieht diese Leute nie auf dem Schiff, die vermischen sich nicht mit dem gemeinen Volk. Die Kapitänskajüten und das Steuerhaus sind hinter der Bar mit Gittertoren abgetrennt, kein Zutritt für Unbefugte.

Heute schliesst die Bar bereits um halb neun, ein nächster Stopp ist um elf Uhr vorgesehen, man will sich offensichtlich vorher noch etwas ausruhen. Ich bleibe allein an Deck. Plötzlich eine Berührung auf meinem Rücken, der Schiffsjunge schaut mich lachend an und verschwindet halb nackt im Kapitänsbereich.

Bandeiranthe II, 8.April





Warten im Fährhafen von Tabatinga. Ich bin bereits gut erzogen und heute eine der ersten, die auf das Boot wartet. Der Fährhafen ist eine offene moderne Halle, mit Bar und sehr sauberen Toiletten. Wenn das so weiter geht auf dem Schiff, dann kann es nur gut kommen. Die Lancha, die heute Freitag fährt, ist allerdings kleiner als die anderen, doch ich habe mir ja diesmal eine Kabine geleistet. Statt 150 Reals kostet das 600, mehr als der Flug, wie ich später erfahre, aber schliesslich sind da auch noch 4 Tage Kost und Logis inbegriffen. Und eine Steckdose zum Aufladen des Computers, schliesslich rechtfertige ich mir diese Investition damit, dass ich so Zeit habe, mein Portugiesisch mit dem Sprachprogramm wieder aufzupolieren und zu schreiben.

Übrigens wird nun rund um mich herum Brasilianisch gesprochen, ich hoffe, das geht möglichst rasch in mein Ohr. Die Landesgrenze zwischen Kolumbien und Brasilien, die eigentlich mitten durch die Stadt geht und kaum sichtbar ist - keine Kontrollen, der nördliche Teil ist Leticia und der südliche Tabatinga - ist auch gleich die Sprachgrenze.
Dass ich jetzt meinen Computer hervor nehmen kann und auch filmen, das ist ein weiterer Vorteil einer Kabine. In den Hängematten hatte ich nicht gross Lust, dass man wusste, was alles ich in meinem Gepäck mitführte. - Übrigens sind generell die meisten Fotos dieses Blogs mit meinem Sony Ericsson Natel gemacht worden. Das ist klein und unauffällig, beides riesige Vorteile, die die Nachteile, kein Zoom und eine kompliziertere Übertragung auf den Computer, leicht wettmachen. Ich habe mich an dieses Ding gewöhnt und fotografiere nun sehr gerne damit. Nicht immer sehe ich im Display alles genau, es gibt Überraschungen, die Fotos sind eigentlich vor allem nach dem Bildaufbau gemacht. Ich finde das Ergebnis trotzdem überzeugend.

12 Uhr, auf 13 Uhr ist die Abfahrtszeit angesagt. Im Moment hat es mehr Polizei und Militär in der Abfahrtshalle als Passagiere und ein brauner Labrador-Drogenhund geht den Gepäckstücken entlang. Drei weitere warten ungeduldig in Transportkisten und bellen, heute gibt es nicht viel zu tun, nur wenige Passagiere. Die Prozedur bis man dann schliesslich aufs Schiff darf, rechtfertigt die Anwesenheit so vielen Staatspersonales. Ganz unwahrscheinlich, wie man hier durchsucht wird, der Einreisestempel, den ich auf der Polizei in Tabatinga bereits gestern gekriegt habe, war offensichtlich nur ein Vorspiel. Jetzt ist alles nicht mehr neckisch, sondern sehr seriös, da wird nicht gespasst, einer nach dem andern, auch Leibesvisitationen, das ist wie in den Vereinigten Staaten. Ob das die Grenze zu Kolumbien und Peru ist? Beide im Verdacht, Kokainlieferanten zu sein?


13:30, wir sind immer noch im Hafen, eben wird ein ganzer Haushalt aufgeladen. So habe ich Zeit zuzuschauen, wie das Nachbarschiff beladen wird. Ein Polizist mit Maschinengewehr schaut in jede einzelne leere Bierharrasse. Als ich mich beklage, meine Steckdose funktioniere nicht, kommt der Bordjunge mit dem Schraubenzieher, ein paar Handgriffe, alles ist aus Metall hier, und der Ventilator läuft wieder und so nehme ich an, dass es auch möglich sein wird, meinen Computer zu laden und Wasser zu erhitzen für den Kaffee, den ich vorsorglich mitgenommen habe.
Die Fähre gefällt mir eigentlich. Winzig zwar, ich hoffe, wir kommen nicht in schlechtes Wetter, das Frachtdeck unten und im ersten Stock die Hängematten und meine Kabine, mehr als 50 Leute haben kaum Platz auf dem Boot. Auch die Toilettenanlagen scheinen mir zivilisiert, WC-Schüssel mit Brille, ein Luxus hier, den man nur selten antrifft. Im obersten Deck dann – das gab es in den Peruanischen Lanchas nie – eine Bar mit Tischen und Stühlen und lauter Musik. Und auch Bier. Alkohol wurde in öffentlichen Verkehrsmitteln in Peru keiner verkauft, den musste man schon selber mitbringen. Im Schlafdeck sehe ich einen Fernseher, man will unterhalten sein, und auch ein Plakat mit Illustrationen von Fischen, die man nicht fangen darf und auch nicht kaufen und konsumieren soll. Bereits im Markt von Leticia war Schluss mit verbotenem Urwaldgetier. Das sei verboten hier und werde hart bestraft. Auch in den Restaurants ist nichts derartiges im Angebot, Peru scheint in Sachen Umweltschutz und überhaupt doch recht hinterher zu hinken.

14 Uhr, die Taue werden gerade gelöst, als vom Nachbarschiff her Rufe kommen und auf unseren Schiffsrumpf gedeutet wird. Ein Palaver geht los unter den Schiffsleuten, der Schiffsjunge, der meine Steckdose geflickt hat, gut gebaut ist er, stelle ich nun fest, steigt ins Wasser und schwimmt zum Schiffsheck. Weitere Bootsleute steigen in das Beiboot und schauen sich die Sache ebenfalls an. Was, weiss ich nicht, denn man sieht nicht zum Heck, und auch das Mädchen, das an der Bar arbeitet kann mir keine Auskunft geben. Ich stelle mir vor, dass sich die Pflanzenteppiche und das Schwemmholz in der Schiffsschraube verfangen haben könnten, denn nach den starken Regenfällen führt der Amazonas wahnsinnig viel Material mit sich. Eine kleineres Fährschiff will an die Anlegestelle und wird angeordnet unser Boot seitwärts zu schieben. Bereitwillig hilft man, bis von unserem Schiff her das Handzeichen kommt „genug“. Wieder steigen Männer ins Wasser und schauen sich die Sache an, langsam driftet das Schiff nun flussabwärts und dreht in Fahrtrichtung, ein kurzer Start der Motoren, doch der Chefmaschinist ist noch nicht zufrieden und deutet dem Kapitän nochmals die Motoren abzuschalten. Inzwischen ist es 3 Uhr geworden, wir driften nun in der Mitte des Amazonas flussabwärts, nochmals dauert es eine Weile und einige Tauchgänge bis der Kapitän die Motoren endgültig starten darf. Erschreckt stelle ich fest, dass diese viel lauter sind als bei den vorherigen Lanchas. Vielleicht auch, weil das Schiff einen Stock weniger hat und ich folglich näher an den Motoren hause. Der oberste Stock wäre vermutlich ruhiger, doch dort ist die Musik der Bar derartig laut aufgedreht, dass dies für meine Ohren auch keine Entspannung bringt. – Nach dem extrem ruhigen Leticia und dem Innenhof des Hotels Delphinos, in dem höchstens die Zikaden und Vögel manchmal lärmten, bin ich bereits wieder lärmempfindlicher geworden - eine schlechte Eigenschaft beim Reisen.
In meiner Kabine funktioniert die Steckdose schon nicht mehr, ein Wackelkontakt immer noch, ich binde den Stecker mit einer Schnur an die Decke, das hilft, keine Lust, die Mannschaft nochmals zu belästigen. Am Himmel sehe ich das Flugzeug Richtung Manaus fliegen und frage mich kurz, ob die Kanadierin, die ich auf dem Schnellboot kennen gelernt habe und die es bereute, bereits einen Flug nach Manaus gebucht zu haben, vielleicht nicht doch recht gehabt habe mit ihrem Entscheid.

Ich habe zusätzlich meine Hängematte aufgehängt, man will sich schliesslich nicht absondern, ich bin die einzige „Gringa“ auf dem Boot und habe erst noch das Handicap, dass ich mich im Portugiesisch wirklich unsicher fühle, doch wenn ich tapfer mitmache, dann kann ich bis Manaus bereits viel mehr. Deshalb widerstehe ich vorläufig der Versuchung, meine Hängematte vor den Kajüten aufzuhängen. Dort, direkt unter der Kapitänskanzel wäre nämlich der ruhigste Platz auf dem ganzen Schiff.

Nach einer knappen Stunde Fahrt halten wir bereits wieder, Benjamin Constant, zwei Passagiere steigen ein und nach ungefähr einer halben Stunde werden alle paar Minuten noch Säcke mit Lebensmitteln eingeladen, pressiert ist man nicht. Wahrscheinlich dient dieser Halt vor allem den fliegenden Händlern, die ihre Waren feilbieten. Bunte Decken, riesig, aus leichtem Fleece und so kitschig-bunt, dass sie mir bereits wieder gefallen. Made in China, versteht sich. Ich erinnere mich daran, dass es auf den Lanchas des nachts doch recht kühl wurde, vielleicht sogar in der Kabine, etwas zum Zudecken hat es nicht, doch Unterleintuch und Kissen sind sauber. Da meine Erkältung sich verstärkt hat, scheint mir mein Kauf gerechtfertigt. Feuerrot und Sonnengelb ist die Decke, Rosenmotive, ein wenig Grün und mittendrin ein rosaroter Schwan. Ich sehe, dass die Leute 10 Reals dafür bezahlen, knapp 6 Franken, das scheint mir korrekt, nun bin ich auch Besitzerin solch einer Decke. Gekauft wird wie verrückt, als ob sich alle erst jetzt daran erinnern würden, dass die Nächte auf dem Schiff kalt werden, auch ein Händler mit Filzstiften macht ein gutes Geschäft, selbst Scheren und Wattestäbchen bietet der an, das habe ich doch kürzlich in Iquitos lange gesucht.
Lebensmittel werden leider keine angeboten, heute hätte ich zugegriffen, das Mädchen an der Bar meinte nein, nichts zum essen habe sie, später dann. So esse ich geröstete Maiskerne aus meinem Notvorrat und hoffe, dass es am Abend doch noch etwas zu essen gibt. Das sollte eigentlich im Preis inbegriffen sein, doch eine Küche habe ich auf diesem Schiff bisher keine entdeckt. In Benjamin Constant hat auch eine moderne Lancha angelegt, Kabinen mit abgetrennten Balkonen und Klimaanlagen. Die Kanadierin hat mir doch von Luxus erzählt auf den Schiffen. Hier merke ich nicht viel davon.
Kurz nach dem Verlassen der Ortschaft verlangsamt das Schiff, legt nochmals an einem Floss mit Sand an, ich sehe wieder zwei der Schiffsjungen im Wasser, einer steigt auf das Floss und bindet ein Schiffstau kurz daran fest. Dann löst er es, springt ins Wasser und schwimmt zurück zu unserem Schiff. Nun fahren wir endgültig los. Eine kultische Handlung scheint mir das, keine Ahnung wozu sie dient.

Abendlicht gibt den bunten Häusern am Ufer eine warme Farbe, Kinder baden im Wasser, friedlich das Bild, die Schatten wachsen und lassen langsam die Dinge verschwimmen. Und doch nagt in mir ein leises Unbehagen, kein Küchengeruch, war ich wohl diesmal allzu unbesorgt, mich über gar nichts zu erkundigen? Ob Essen inbegriffen, Einzelbad zu der Kabine, was auch immer? Ich war zufrieden mit den 600 Reals, weil in meinem Reiseführer 700 standen, also war der Preis gut, den Rest würde ich schon noch herausfinden. Ich gehe auf das Bardeck hinauf und schaue dem Sonnenuntergang zu. Wie immer eine spektakuläre Angelegenheit, heute zum ersten Mal seit langem den ganzen Tagen kein Regentropfen, der Himmel verfärbt sich rot und gelb, wie Scherenschnitte die schwarzen Baumsilhouetten davor. Da kommt ein Angestellter des Schiffes zu mir. Ob ich essen wolle, gleich gäbe es Huhn. Ich bin erleichtert, ja, gerne, man sorgt sich doch immer viel zu früh. Wir sprechen eine Weile zusammen, irgendwie geht es, mindestens verstehe ich, dass zehn Schiffe zwischen Tabatinga und Manaus verkehren. Dieses hier sei das Kleinste – das habe ich mir doch bereits gedacht. Touristen habe es nicht sehr viele. Einmal zwei Deutsche, vier Franzosen, Engländer auch, aber nicht häufig, nein. Ich gehe mit ihm hinunter und esse eine dicke Suppe mit Teigwaren und ab und zu einem Stück Huhn. Man schüttet da farinha, eine Art Mehl hinein, das macht das ganze noch pampiger, und isst Weissbrot dazu. Der Geschmack ist nicht schlecht, Koriander scheint mir, doch selbst für mich recht viel Salz. Danach spüle ich die Mahlzeit mit einem Bier hinunter. Das Mädchen an der Bar ist hauptsächlich damit beschäftigt, an dem Rad in der Decke zu drehen, welches die Fernsehantenne bedient, jede Schiffsbewegung bringt den Apparat wieder durcheinander, der Sender muss neu gesucht werden. Nach einer Telenovela dann die Nachrichten. Weinende Leute, das kenne ich bereits von Peru, eine Mauer mit vielen Blumen und Schildern, Schüler, ich verstehe, dass einer in Rio einen Amoklauf gemacht haben muss. Stellen aus der Bibel habe er erwähnt, einen Bart habe er sich wachsen lassen und sei komisch geworden. Kein Muslim, ein Christ.

Der Schiffsangestellte erklärt mir, dass wir morgens um 3 Uhr das nächste Dorf anlaufen werden, das übernächste um 10 Uhr, erzählt er weiter, so zirka zehn Halte werden es sein bis Manaus, alle mit exaktem Ankunftsdatum, der Mann hat Vertrauen. Und am Montag, so gegen fünf Uhr, da seien wir in Manaus. - Da bin ich aber gespannt.

Der Mond hängt tief und träge über dem Wasser, viele Sterne, auch dieser merkwürdige helle Nebel, den ich von Sansibar her kenne, die Nacht ist sehr klar. Ab und zu streift ein Scheinwerfer des Schiffes suchend über Wasser und Ufer, das habe ich bei früheren Fahrten nicht bemerkt, doch damals waren die Nächte auch heller. Kurz nach halb zehn schliesst die Bar, das Mädchen räumt die Plastikstühle und Tische zusammen, Ordnung muss sein, doch immerhin lässt sie den zwei Schwarzen, die Karten spielen, ihren Tisch. Zwei Frauen und zwei Männer, die ich noch nie gesehen habe, kommen aus dem Kapitänsbereich und setzen sich hinten aufs Deck. Offensichtlich arbeitet und reist die Führung hier in Begleitung.

Leticia, den 6.April







Seit gestern Abend bin ich im kolumbianischen Leticia. Eine erstaunlich grüne und gepflegte kleine Stadt und auch viel ruhiger als Iquitos, weshalb ich beschliesse, nicht bereits heute weiter zu fahren, sondern die Fähre nach Manaus erst am Freitag zu nehmen.

Die Überfahrt gestern mit einem Rapido, einem Schnellboot, war lang, doch erträglich, nach den Beschreibungen meiner Informanten habe ich Schlimmeres erwartet. Um halb sechs Uhr früh hätte man im Hafen sein sollen, um sechs war Abfahrt. Doch bereits als ich pünktlich eine halbe Stunde vorher eintreffe ist das etwa 50-plätzige Schiff praktisch voll. Bei solchen Sachen spassen die Leute hier nicht. Auch in den Lanchas muss man immer viel zu früh kommen. Die Leute warten dann stundenlang geduldig bis das Schiff abfährt. Und wir Touristen kommen als letzte und müssen folglich mit den Plätzen vorlieb nehmen, die noch übrig sind. Schlecht treffe ich es nicht, der Herr neben mir sagt guten Morgen und nimmt seine Zeitungen hervor und liest. Kontakte ergeben sich weniger einfach, wenn man gezwungen ist, allzu dicht aufeinander zu hausen. In den Lanchas ist das unverfänglicher. Man spaziert herum, fängt mit jemandem an zu sprechen und verabschiedet sich dann auch einmal wieder und geht weiter.

Die Abfahrt des Rapidos verzögert sich, ein Schwarzer wird aufgerufen, seine Gruppe, da seien drei Personen zuviel. Nach langem Palaver werden drei Personen auf ein kleineres Boot umgeladen. Unser Schiff steuert darauf die Hafenbehörde an, das Kontrollamt, ohne das hier kein grösseres Schiff den Hafen verlässt. Kurz nach der Passage dieses Postens stösst das Boot mit den drei Personen wieder zu uns. Darauf sitzen sie zu dritt auf zwei Sitzen. Der Rapido ist damit bestimmt überladen, doch - nehme ich an - dass es bei 50 Personen plus Waren auf drei Personen mehr oder weniger nicht ankommt.
Die ganze Nacht über hat es in Iquitos sehr stark geregnet, solch intensive Schauer waren in Sansibar im allgemeinen nur von kurzer Dauer. Auch den ganzen Tag über regnet es immer wieder, Wind, der Amazonas ist unruhiger, als ich mir das gewohnt bin. Irgendeinmal kurz vor der Grenze - denke ich - doch es geht dann noch zwei Stunden weiter, fängt mein Nachbar an, mit mir zu reden. Haitianisch sprächen die rund 10 jungen Schwarzen - auch zwei Frauen sind dabei - erkundigt er sich. Ich könne das nicht sagen, ab und zu ein französisch klingendes Wort, Kreolisch vielleicht? Für mich klinge das eher wie eine afrikanische Sprache. Kein Gerücht diesmal, sie seinen von den amerikanischen Drogenbehörden. Merkwürdig finde ich diese Gruppen von gut gekleideten und offensichtlich mit genügend Geld versehenen jungen Schwarzen trotzdem, sie benutzen nie die billigen Fahrgelegenheiten. Ich habe mir die Armut in Haiti ganz anders vorgestellt. Eher wie damals auf einem Flug der Swiss von Daressalam nach Zürich. Damals wurde eine Gruppe somalischer Flüchtlinge, die für Amerika bestimmt waren, mitgenommen. Die sahen erbärmlich und deprimiert aus.

Mein Nachbar ist nun wirklich zum Sprechen aufgelegt. Politik, die Wahlen, deshalb fährt er in seine Heimatgemeinde an der Grenze, Gott und die Welt. Und Gott, da kann er nicht mehr aufhören. Ob ich gläubig sei? - Das Ende sei nah. Er zeigt mir eine Stelle in der Bibel, das Buch hat er in seinem Gepäck, alle Anzeichen seien vorhanden. Das habe ich doch bereits einmal gehört. Offensichtlich schienen hier die Prediger das Ende der Welt vorher zu sagen. Da sei es entscheidend, wo man stehe, meint mein Nachbar.

Ich fühle mich heute erstmals auf dieser Reise nicht gerade gut. Rückenschmerzen, Halsweh, allgemein zerschlagen. Das könnte der Fahrtwind auf der gestrigen Fahrt gewesen sein und die nicht auf meine Anatomie angepassten Sitze. Doch natürlich denkt man hier auch immer gleich an anderes.

Donnerstag, 7. April 2011

Iquitos, den 4.April 2011






Heute habe ich kein Glück. Eine ganze Gruppe Jugendlicher, ein paar scheinen mir westliche Touristen, oder, wie das hier häufig ist, junge Leute, die Freiwilligenarbeit leisten, alle sprechen perfekt Spanisch und haben ein Schildchen auf der Brust mit „Jesu Christo“ und ihrem Namen darauf. Das wird noch eine Weile dauern, bis ein Internetplatz frei wird.

Amerikaner sind offensichtlich sehr spendenfreudig und hilfsbereit, das sehe ich auch gestern in der ExploNapo Lodge, wo momentan 20 Amerikaner hausen, alles Donatoren von Schulmaterial für Kinder in Amazonasgemeinden. Einmal jährlich kommen sie hierher und verteilen die Sachen mit einem grossen Schiff persönlich an die Schüler. Viel wird gemacht in Peru zur Bekämpfung der Armut - etwas, das mir auch immer in Sansibar aufgefallen ist - und trotzdem verschwindet sie nicht.

Gestern haben wir den hängenden Brückenpfad in den Baumwipfeln besucht. Ein Abenteuer, obwohl ich eigentlich erstaunt bin, wie einfach ich es geschafft habe. Nach dem Bericht von zwei jungen Schweizern, denselben, die ich bereits nach ihrem Urwaldbesuch in Lagunas getroffen habe, hatte ich so meine Bedenken. Sie gestanden mir, dass sie extrem Angst gehabt hätten. Schade war allerdings, dass wir mit einer grossen Gruppe Touristen in den Baumwipfeln unterwegs waren und deshalb kaum Tiere gesehen haben, die haben sich alle in Sicherheit gebracht. Ich habe sowieso das Gefühl, dass bei den meisten Besuchern des Amazonas der Kick des Abenteuers viel wichtiger ist, als das Naturerlebnis. Auf dies sind die Touristenattraktionen abgestimmt. Piranhafischen, Kanu fahren, in den Bäumen herum klettern. Ob die Indianer und Schamanen echt sind, auch dies ist kaum von Bedeutung.

10 Uhr abends, wieder einmal tost ein gewaltiger Regenguss vom Himmel herab, so stark ist das auch hier selten, Morgen früh nehme ich das Schnellboot an die Kolumbianisch-Brasilianische Grenze. Wegen der Nähe der Grenze, sagt man mir, sei in Iquitos so viel Militär einquartiert. Und die auffällige Kühle nachts, die ich von anderen Tropenländern überhaupt nicht kenne, die komme von den feuchten Böden. Iquitos, ist eigentlich eine Insel, die Böden sind mit Wasser durchtränkt. Das führe zu den erstaunlich kühlen Nächten. Und im Dschungel sind die Kleider des morgens immer unangenehm nass.

Explorama Lodge, 1. April








In der Touristenzeitung von Iquitos habe ich gelesen, dass es eine hängende Brücke in den Bäumwipfeln geben soll. Die beste Art, den Urwald zu erkunden, von oben, dort wo die Pflanzen blühen und die Vögel, Schlagen und meisten Wirbeltiere hausen. Deshalb habe ich mich entschlossen, es noch einmal zu versuchen. Einen 1-tägigen Ausflug dorthin gibt es aber nicht, ich muss mindestens 3 Tage buchen. Obwohl das Schnellboot 160km flussabwärts in drei Stunden schafft, fahren wir heute erst bis in die Hälfte, die Explorama Lodge liegt auf halben Weg. Am Nachmittag ein Ausflug zu einem See - sagen sie hier - mir kommt es eher wie ein Teich vor, doch sehen wir schöne Schmetterlinge auf einer Victoria Regia, riesige schwimmende Blätter, der Guide will nicht demonstrieren, dass sie selbst erwachsene Menschen tragen sollen. Später sehen wir ein Faultier träge einen Baum hinauf klettern, ein paar Vögel auch von nah.

Die Lodge, die gleichviel kostet, wie dies in Afrika der Fall ist, ist zwar okay, jedoch lange nicht so luxuriös, kein Warmwasser, alles viel weniger liebevoll und individuell gestaltet, auch das Essen lässt sich nie vergleichen mit dem, was ich von Afrika her kenne. Das enttäuscht mich etwas, denn für 160 Dollars pro Tag habe ich auch Ähnliches erwartet. Dass ich in einer Reisegruppe von Amerikanern untergebracht bin, das habe ich bereits gewusst. Offensichtlich sind über 80 Prozent der Touristen hier Amerikaner. Eigentlich merkt man das bereits in Iquitos. Die vielen amerikanischen Bars und Restaurants. Ihre Art zu sprechen nervt mich - obwohl die Leute ja sehr offen sind, auf einen zukommen, „hi, ich bin der Soundso“. Und, denke ich, eben auch weniger Ansprüche haben in Bezug auf gutes Essen und geschmackvolle Einrichtung.
Jetzt gerade nerven auch die Moskitos, besser „Zangudos“. Nachdem sie uns tagsüber in Ruhe gelassen haben schreiten sie nun doch noch zum Angriff. Wer hat eigentlich gesagt, die Mücken, die das Dengue-Fieber übertragen seien nur tagsüber aktiv? Sind es doch genau dieselben, die mit Malaria infiziert sein können. Oder die Beteuerung, in schwarzem Wasser habe es wenig Mücken. Das stimmt überhaupt nicht, Samiria war Schwarzwassergebiet und trotzdem voller „Zangudos“. Und heute sagt dann unser Führer auch noch, dass auch der Rio Napo am Ende der Regenzeit in schwarz übergehe. Die vielen organischen Reste im Wasser verwandeln offensichtlich die Flüsse je nach Jahreszeit.

Montag, 4. April 2011

beim Schamanen, 3.März








Peru sei das Zentrum der Welt, etwas in der Art sagt mir der Schamane heute Morgen. Denn hier habe jede einzelne Pflanze ihre medizinische Nützlichkeit. Mein Denken ist auch jetzt noch verlangsamt, umständlich, die Nachwirkungen des Ayahuasca-Genusses.

Ich habe keine Ahnung gehabt, dass Schamanen und Ayahuasca, eine Droge, mit der sie arbeiten, offensichtlich viele Touristen anlocken. Eine Malerin aus Holland komme regelmässig zu ihm, auf der Suche nach Inspirationen, meint Senor Orlando, der Schamane, auch Italiener und andere Europäer. Und erzählt mir später, er habe nun vier Jahre zusätzlich für die Regierung gearbeitet. Als Ordnungsaufsicht im Quartier Belem. Doch nun habe die Regierung kein Geld mehr für das, neue Wahlen, die 400 Soles seien sowieso wenig gewesen, mit seiner Heilkunde könne er mehr verdienen. Ganz abgesehen davon, dass die Arbeit als Wachtmann in diesem Quartier mit hoher Kriminalität auch gefährlich sei. Wenn man jemanden zur Polizei bringe, dann wisse man nie, ob der sich nicht später rächen werde an einem. - Da wären ihm ein paar Gringo-Kunden sicherlich recht, ich nehme nicht an, dass die Frauen mit Kindern, die im Laufe der Nacht auftauchen und behandelt werden, viel bezahlen können.

Walter und ich haben mit Orlando oben im Markt von Belem um halb sechs Uhr abgemacht, doch um sechs Uhr, es wird bereits dunkel, ist er noch nicht da, erst gerade, als wir gehen wollen, taucht er plötzlich auf. Genau wie gestern. Wir kreuzten ihn auf dem Weg zu seinem Haus, er komme gleich, wir sollten auf ihn warten. Wir warten lange, die Dämmerung, in der Nacht ist es hier für Nichteingesessene zu gefährlich, wir müssen vorher verschwinden. Gerade in diesem Augenblick taucht er auf.

Ayahuasca-Trips werden in Iquitos als Touristenattraktion angeboten. In einer Zeitung lese ich eine Beschreibung davon. Ein Haufen Touristen geht in ein Center, meist im Urwald gelegen, viele scheinen sich einfach einmal auf eine neue Art berauschen zu wollen. Einer dieser Schamanen ist ein Amerikaner. Da gibt es wenigstens keine Sprachschwierigkeiten.
Senor Orlando spricht nur Spanisch, mit einer bedächtigen, ruhigen Stimme, ich bin die einzige Person, die für einen Drogenkonsum zu ihm kommt. Kleinkinder, die zu viel schreien, behandelt er. Auch solche, die Magenprobleme hätten, das schmutzige Wasser. Hier setzt Orlando keine Drogen ein. Murmelt etwas vor sich hin, manchmal auch einen Singsang, von Gott, der helfen soll ist immer die Rede, das Christentum hätte ich hier nicht erwartet. Dann zündete er eine Zigarette an, zieht den Rauch ein und bläst ihn mit einem knallenden Geräusch aus. Über das Kind, von allen Seiten. Die Kinder schauen fasziniert zu, kein einziges beginnt zu weinen. Die meisten Mütter verschwinden dann mit ihrem Boot - das Haus steht mitten im Wasser von Belem - ein paar übernachten auf dem Fussboden des Wohnraumes und werden am Morgen nochmals behandelt.


Wir durchqueren den Markt von Belem, der noch auf festem Boden steht. Wahrscheinlich der verrückteste Markt, den ich je auf der Welt angetroffen habe. Riesig, eine Vielfalt von Früchten und Gemüsen, Wildtiere leider, Essstände, verschiedenste Medizinfläschchen, auch sonst kann man hier praktisch alles kaufen. Von den häufigen Platzregen sind die Böden durchweicht, alles sieht furchtbar schmutzig aus, doch am Abend sehe ich, wie ein Mann mit Schubkarre den Abfall einsammelt. Auch der Geruch auf dem Markt ist weit weniger beissend als ich mir das von Zanzibar her gewohnt bin.

Unser Mototaxi hält dort, wo die Strasse von Wasser überschwemmt wird. Das ändert immer etwas, je nach der Höhe des Wasserstandes. Im Moment ist das Wasser immer noch am Steigen. Rund 2 Monate pro Jahr, werde Belem zu Venedig, die Strassen zu Kanälen, im Rest des Jahres liege der grösste Teil der Häuser trocken, da sei der Geruch am unerträglichsten. All die Holzhäuser auf Stelzen oder Flossen gebaut, entlassen ihre Abwässer direkt in das Wasser. Die Latrinen sind kleine Flosse, die am Haus festgemacht sind . Ein Paar Bretter, in der Mitte fehlt eines, ringsherum eine etwa schulterhohe Plastikplane, der Kopf bleibt sichtbar, wenn man seine Geschäfte verrichtet, ich habe diese Toiletten auch ausprobiert. Und vermeide auf der Bootsfahrt zum Schamanen auf der anderen Seite des Flusses - wobei im Moment alles zu einem See angeschwollen ist – jeglichen Kontakt mit dem Wasser peinlichst. Vor allem hier am Rande, wo das Wasser wenig tief und stagnierend ist, riecht die braune Brühe wie Abwässer. Doch am Abend nehmen die Leute ihr Bad darin, die Frauen waschen ihre Kleider und ich wäre nicht erstaunt, wenn sie selbst das Geschirr dort reinigen würden. Die Kinder plantschen mit Wonne in der Brühe herum, auf Pflöcken reitend, es gibt so viele Spiele im Wasser, kein Wunder, dass zwischendurch eines einen zu grossen Schluck daraus erwischt. Die seien sich das eben gewohnt, meint Walter. Ein Kind, das nicht von hier komme, das würde den Schmutz kaum überleben.

Es ist bereits finster, als wir mit dem Boot durch die Häuser fahren. Schiffe kreuzen uns, alle ohne Licht, ich sehe sie spät, der Bootsmann scheint mehr zu sehen als ich. Erstaunt bin ich über die vielen Fernseher in den Häusern. Das Quartier ist ans Stromnetz angeschlossen. Sogar ans Wassernetz, und das Telefonieren ist kein Problem. Einzig beim Abwasser hapert es. Obwohl: Auch der Rest der Abwässer von Iquitos geht ungereinigt in die Flüsse. Wird allerdings erst gesammelt und in einen entfernten Fluss entleert. – Nein, Belem sei nicht eine ungeordnet gewachsener Stadtteil. Ein Grundstück hier koste etwa 50 Soles (17 SFR), das könne man auf der Gemeindeverwaltung kaufen. Die Leute seien häufig vom Land, sie hätten dort ein zweites Zuhause. Die Häuser seien für die Kinder, die in Iquitos in die Schule oder an die Universität gingen. Und die Eltern, wenn sie ihre Waren in die Stadt zum Verkauf brächten. - Auch Senor Orlando hat noch ein Grundstück auf dem Land, wo er seine Drogen, darunter Coca, Ayahuasca und Marihuana, alles potente Heilmittel, versichert er mir, anpflanzt. Und häufig auch Rituale durchführt. Dort sei es ruhig.


Das kann man von den Häusern am Fluss nicht behaupten. Bis um 1 Uhr morgens dröhnt laute Musik aus einer Bar. Und um vier Uhr morgens kehrt der Nachbar, ein Fischer, von seinem Fang zurück und dreht sein Radio auf volle Lautstärke. Feierabend. Für ihn. Dass da auch alle übrigen zuhören dürfen, die Häuser sind sehr eng ineinander gebaut und bestehen nur aus Bretterbuden auf einer Plattform, daran scheint hier niemand zu denken. Ich sage dem Orlando, dass mich dieser Lärm störe, so viele interessante Geräusche wären zu hören, ich stelle das fest in der kurzen Zeit der Nacht, wo es ruhig ist. Frösche, Zikaden, das Vibrieren und Knarren des Holzbodens, sobald sich jemand im Haus bewegt, der merkwürdige Singsang Orlandos zwischendurch, das Aufleuchten seiner Zigarettenspitze, das explosionsartige Geräusch, wenn er die Luft plötzlich ausstösst, alle Sinne sind ja geschärft beim Genuss dieser Droge. Ähnlich wie bei Shitcookies finde ich, aber eher eine schwache Dosis, extreme visuelle Erfahrungen habe ich nicht, doch Zeit und Raum verbiegen sich, ein Gefühl in etwas Grossem geborgen zu sein. Einen Moment sehe ich auch einen Haufen Fäkalien, überall, das muss die Gegend sein, die mir das eingibt. Doch ist das nicht gruslig, sondern merkwürdigerweise wie ein Popartbild. In einem gewissen Moment habe ich das Gefühl, ich könne jetzt aus meinem Körper hinaussteigen. Bekomme dann aber Angst, kehre zurück, ich will den nicht alleine lassen, stachelige Pflanzen sehe ich ebenfalls. – Sehr lang sind die Visionen nicht, doch die ganze Nacht über bin ich halb wach. Wie viel die Droge, wie viel bereits der Ort ausgelöst hat ist schwer zu sagen. Mit dem Rücken auf dieser schwingenden Holzplattform, vor den Augen schwache Lichtpunkte und Streifen, dort wo Licht in das halboffene Gebäude dringt, ein reflektierender Spiegel irgendwo, um das Hell Regenbogenfarben. Doch vielleicht sehe ich das nur, weil ich weiss, dass man das sehen kann mit Ayahuasca.

Ich fühle mich während des kurzen Rituales wohl, ein Schälchen mit dem Saft steht vor dem Schamanen, er singt, rezitiert, bläst Rauch hinein, gibt zwischendurch aber auch ganz konkrete Anweisungen an Bewohner des Hauses, wirkt nicht wirklich abgehoben. Der Ayahuasca-Saft, ist ganz fürchterlich, bitter-salzig, mein Körper erkennt das sofort als Gift, nicht einfach, die Schale fertig zu trinken. Die Wirkung tritt sanft ein, nichts Beängstigendes. Nach einer Weile krampft sich jedoch mein Magen zusammen, will sich umdrehen, ich muss erbrechen. Auch der Schamane tut dies. Nur scheint er das im Gegensatz zu mir positiv zu werten. Das Erbrechnen wird als Reinigung von körperlichen und seelischen Problemen angesehen. Ich habe Mühe damit. Mir scheint das ganze eher wie eine leichte Vergiftung und ob es gesund sei, zwei- bis dreimal pro Woche so etwas zu sich zu nehmen, davon bin ich nicht überzeugt. Man müsse das mehrfach machen, versichert der Schamane mir, erst dann setze die volle Wirkung ein. Mein Körper brauche das. - Genau davon bin ich allerdings nicht überzeugt. Bin ich doch weder wegen eines körperlichen noch eines geistigen Leidens hierher gekommen, sondern lediglich, weil ich ein Buch mit spannenden Gemälden gesehen habe, die unter dem Einfluss von Ayahuasca entstanden sind.

Auch Orlando stört übrigens der Lärm in Belem. Früher sei das nicht so gewesen, vielleicht am Samstag und Sonntag. Heute sei das jeden Tag. Auf einen weiteren Drogengenuss im Dschungel habe ich allerdings auch keine Lust, denn dort hat es, wie ich bereits erfahren musste, im Moment extrem viele Moskitos. Ich denke nicht, dass dies die Art von Begegnung ist, die man sich auf solch einer Reise wünscht.

Iquitos, den 27.März








Nicht besonders interessanten Ausblicke entscheiden, wo ich mich hinsetze zum Zeichnen. Wichtig ist erstens, dass es ein Schattenplatz ist, zweitens, dass man sich überhaupt hinsetzen kann und drittens, dass er nicht allzu exponiert ist und ich bereits voll am Zeichnen bin bevor mich die Leute, meist sind es Kinder, entdecken und zu belagern beginnen. Heute habe ich eine Madonna unter einem Dächlein gezeichnet und im Hintergrund eine Statue von einem Militär. Sargante Loreto, sagen mir die Kinder sei das, nach ihm sei der ganze Platz benannt.
Plätze in Peru sind immer von Strassen umgeben – auf denen heute allerdings wenig Verkehr herrscht, Sonntagsruhe, ich geniesse das. Durch das Rechteck, das so entsteht, führen symmetrisch angelegte betonierte Wege, von Betonbänken gesäumt, die glücklicherweise ab und zu auch im Schatten eines Baumes stehen, bepflanzt wird meistens mit niedrigen Büschen, häufig Hibiskus, und Palmen, etwas Gras, die Vegetationsflächen zwischen dem Wegnetz sind klein. In der Mitte, alle Wege führen dorthin, ein Standbild auf einem Sockel, der blau und weiss bemalt ist, praktisch immer irgend ein Militär mit Gewehr. Blau und weiss sind auch die Strassenlampen angestrichen, die in regelmässigen Abständen den Platz beleuchten, das gibt ihnen etwas kokettes, auch die Betonbänke sind meist blau, die Randsteine dafür weiss. Auf grossen Plätzen hat es ein Wasserbecken, das im allgemeinen leer steht. Wie erstaunt bin ich da, als mich auf dem Hauptplatz am Samstag Abend plätschernde Springbrunnen begrüssen. Für besondere Gelegenheiten offensichtlich noch betriebsbereit.

Peru hat noch ernorm viele Überreste der Militärdiktaturen, so viele und soviel verschiedene Militär- und Polizeikorps habe ich noch selten in einem Land gesehen. Heute Morgen war auf dem Hauptplatz, der Placa das Armas - nicht dem grössten Platz von Iquitos, aber dem touristisch erschlossensten, rings herum Restaurants und Hostals, Reiseagenturen, die Trips in den Urwald anbieten, eine Kirche, ein Internet, das 24 Stunden offen ist – eine Militärparade. Erst weiss gekleidete Marines mit ihrem Musikkorps, dann schwarz Uniformierte, dann in Tarnanzüge Gekleidete mit Schlapphut, den einer wie einen Cowboyhut auf den Seiten emporgeschlagen trägt, dann wieder schwarz Gekleidete mit Schutzschild und Helm, dann die Defensa Civil mit orangen Gilets, schliesslich die rot uniformierte Feuerwehr. Einmal umrunden sie den Platz, der heute verkehrsfrei ist, dann stellen sie sich auf den Seiten auf und warten. Auf was, ist mir nicht ganz klar. Ich esse an meinem bereits gewohnten Frühstücksplatz, dem „Ari’s“, einen Fruchtsalat und ein Jogurt mit Honig, bestelle noch einen zweiten Milchkaffee und warte, doch nichts passiert in der nächsten Zeit.

Das „Ari’s“, ein grosses Restaurant, liegt in einer Ecke des Platzes, gegen zwei Seiten ist es offen, so dass man einen wunderbaren Blick auf das Geschehen hier hat. Es ist für Peruaner sicherlich ein gutes Restaurant, Touristen sehe ich aber wenig, die etwas kantinenhafte Atmosphäre des grossen Raumes scheint sie abzuschrecken. Für mich hat der Ort mit seinen schwarz-weiss gekachelten Fliessen und den roten, gepolsterten Sesseln eine ästhetische Qualität. Und erinnert mich erst noch an ein Bild, das ich vor Jahren in Isle-sur-Sorgue gemalt habe. Der Blick aus der dunklen Frische des grossen Raumes auf die helle Welt draussen, in der an Werktagen ein unheimliches Treiben und Lärm herrscht, lässt mir das ganze surreal erscheinen, als wäre es ein Film. In den vielen Spiegeln, die geschickt im Raum verteilt sind, vervielfachen sich die Gäste, von vorne, im Profil, von hinten, ein Ratespiel, was zusammen gehört. Geschäftsleute scheinen die meisten zu sein, auch einige ältere Männer von europäischem Typ. Alte Kolonialherren, denke ich. Einer fällt mir besonders auf, weil auch er sich jeden Morgen hier einfindet. Er bestellt ein Glas Mineralwasser und liest Zeitungen. Die freundlichen Serviertöchter sind täglich anders gekleidet, es gibt eine rote, eine gelbe und eine weisse Arbeitskleidung, Miniröcke, die meisten Frauen sehen gut aus, immer von einer passenden Schirmmütze begleitet. Auf einer Seite des Raumes stehen lange, von der Kälte beschlagene Glasvitrinen, in denen unterschiedlichste Crèmes- und Früchtetorten ausgestellt sind, auch Coupes. Wer soll das alles essen? Da ich nur morgens hierher komme, sind die Leute am Verzehren von sehr nahrhaften Frühstücken. Ei, Schinken, Toasts, das kann zu einer vollen Mahlzeit mit Reis und Fisch ausarten. Auf den Glasvitrinen stehen zwei Schädel, Kaimane, das ist hier fast unvermeidlich. Auch auf den meisten Speisekarten werden sie angeboten, ich habe es aufgegeben, diese Restaurants zu boykottieren, praktisch alle machen das. Wenn man über denn Markt läuft, sind die Krokodilschwänze und teils bereits geöffneten und zerlegten Schildkröten, Boas und Gürteltiere und weiteres Urwaldgetier nicht zu übersehen. Ganz offensichtlich fehlt hier jegliches Bewusstsein, dass dies gefährdete Tierarten, ihr Genuss ein Unrecht. Obwohl der offiziell auch hier verboten ist.
Auf der rechten Seite des Platzes - gerade neben dem 5-stern Hotel - ragt ein blau eingefärbtes Betonhochhaus empor, das in einem Zustand des fortgeschrittenen Zerfalles vor sich hindämmert. Eine Bauruine seit Beginn. Das habe vor rund 40 Jahren das Gesundheitszentrum werden sollen. Allerdings sei das Gebäude vor der Fertigstellung abgesackt und etwas gekippt, die Vollendung deshalb unmöglich geworden, zu nahe auch, solch ein riesiges Gebäude, von der Böschung zum Wasser, das Gewicht habe gedrückt. Und seither stehe das eben riesig und hässlich an einer Seite das Hauptplatzes. Seine heutige Funktion: Träger der vielen Telefonantennen. Passiere da einmal etwas, dann sei Iquitos gänzlich von der Umwelt abgeschnitten. - Später lese ich dann in einem Dokument, dass ungefähr zur gleichen Zeit ebenfalls die befestigte Strandpromenade des Boulevards Malecon abgesackt sei und erst etwa vor 10 Jahren wieder hergestellt. Ein Zusammenhang wird allerdings nicht erwähnt.

Der Sonntagmorgen ist auch hier ein spezieller Tag. Friedlich, ich spaziere durch die Wohnviertel, die immer grüner werden, kleine, zusammengebaute Häuser, wenig Planung, die Frontseiten werden gerne aufwändig und fantasievoll gestaltet, bunte Kachlen sind beliebt. Ab und zu dringt lauter Gesang aus einer offenen Türe, die Kirchen, jetzt wird es sichtbar, auch in Iquitos gibt es viele.

Gestern Abend, ein Samstag, befand sich die ganze Bevölkerung in Feststimmung, promenierte am Quai, schaute Gauklern zu, die sehr viel sprachen, ich verstand kaum etwas und beobachtete dafür das Publikum, das sich köstlich amüsierte. In einer der teuren Bars an dem Boulevard Malecon trank ich ein Bier und bewunderte den ausgemalten Raum. Faszinierende Malerei. Meistens stimmt die Anatomie – es werden hauptsächlich Menschen abgebildet, häufig nackte Frauen – überhaupt nicht und trotzdem haben die Gemälde ihren Reiz. Von kraftvollen, erotischen und kaputten Wesen besiedelt, der Stil ändert von präzise ausgemalt, zu comixartigen Schattenrissen, bunt meist, von Realität zu Traumwelt, doch irgendwie hält das ganze zusammen.