Mittwoch, 11. Mai 2011

Sao Luis, 4.Mai








Es regnet, als unser Flugzeug in Belem abhebt, immer wieder fliegen wir durch tief liegende Wolken, nur ausschnittsweise sehe ich auf das Delta des Amazonas. Südwärts ist der Wald bereits stark durchbrochen, etwa die Hälfte sind offene Flächen, nicht allzu gross parzelliert, ein paar Viehfarmen ebenfalls, der Waldanteil nimmt kontinuierlich ab. Vor Sao Louis dann wieder braune Flussarme, die sich in das hier ebenfalls ockerfarbene Meer ergiessen, all das Schwemmmaterial, wie konnte ich hier ein blaues Meer erwarten. Einige der Flussläufe sind fast ausgetrocknet, es ist offensichtlich Ebbe.

Sao Luis hat ein Zentrum aus der Kolonialzeit, ein paar Häuser sind hübsch zurecht gemacht, viele in einem Dornröschenschlaf kurz vor dem Zerfall, die Fenster zugemauert. Offensichtlich hat man noch gerade rechtzeitig Massnahmen ergriffen, um den alten Stadtkern zu erhalten. Erst wenige Bausünden, das Abreissen der historischen Bauten scheint jetzt verboten zu sein. Langsam wird renoviert. Die Häuser haben oft Fassaden mit bemalten Keramikplättli – ähnlich wie in Iquitos – da scheint sich die spanische und die portugiesische Baukultur wenig zu unterscheiden. Ein grosser Teil des kolonialen Quartiers besteht aus ein- bis zweistöckigen Häusern entlang von engen Strassen mit löchrigem Kopfsteinpflaster. Meist bunt bemalt, ein paar schöne Gebäude aus der Jugendstilzeit entdecke ich ebenfalls.

Sao Luis, die Leute sprechen das heute noch eher französisch aus, war ursprünglich eine französische Gründung. Die Franzosen wollten gerade noch ihren Fuss zwischen die sich schliessende Türe schieben, der ganze südamerikanische Kontinent war bereits zwischen Spanien und Portugal aufgeteilt. Allerdings hat ihnen das nicht viel gebracht. Schon wenige Jahre nach der Gründung der Stadt mussten sie sich aus dem Gebiet zurück ziehen. - Merkwürdigerweise lockt diese historische Tatsache französische Einwanderer besonders stark an. Eine ganze Kolonie von Franzosen, mit Akzent meist aus dem Midi, wohnt hier. In einer Bäckerei esse ich perfekte Baguettes, der Bäcker ist ein Franzose. Das feuchte Klima macht dem sensiblen Gebäck zu schaffen, mit Plastikfolie werden die Brote oben abgedeckt, Luft zirkuliert durch das Korbgeflecht. Innert kürzester Zeit kann ein Baguette bei zu feuchter Luft seine Contenance verlieren. - Gestern habe ich die Gerantin eines Touristenrestaurants kennen gelernt. Seit drei Jahren wohnt sie mit ihrem Mann in Sao Luis. Wollten einmal etwas Neues anfangen, etwas Eigenes. Das hat dann allerdings nicht geklappt, 20'000 Euros habe man verloren. Jetzt arbeitet sie für einen französischen Besitzer im Zentrum, ihr Mann führt eine Bar am Strand, ebenfalls in französischem Besitz. Und Gerantin sei sie nicht wirklich, korrigiert sie mich, für diese 30 Reais, die ihr der Besitzer täglich bezahle, da wolle sie die Verantwortung des Betriebes nicht übernehmen.
Im gleichen Restaurant - Musik spielt auf dem Platz, eine Stimmung wie am Mittelmeer, viele Leute in den gepflasterten engen Gassen und baumbeschatteten Plätzen – treffe ich auch einen brasilianischen Richter. Er spricht viele Sprachen, mit mir recht perfekt Deutsch, und liebt es, jährlich nach Europa zu reisen. Er wird von der Bevölkerung mit Respekt behandelt, schliesslich sind wir hier auch in einem saumässig teuren Restaurant, in das sich sonst kaum Einheimische verirren. Nachdem er gegangen ist, erzählt mir die Schmuckverkäuferin, die mich an den Tisch gerufen hat, ihr Leben. In Brasilianisch natürlich. Erstaunlich, wie viel ich bereits verstehe. Zwei Kinder, beide bereits erwachsen, kein Mann, häufig Magenschmerzen, der Stress. Doch die Kirche, eine protestantische, nur noch „... del mundo“ habe ich im Kopf, Jesus und Gott hätten sie erhört, sie sei geheilt worden. Durch den Glauben. Der Priester hier habe eine unglaubliche Kraft. Schon viele Wunderheilungen habe es in der Gemeinde gegeben.

Zum Frühstück gibt es in meiner Pension, der Pousada Vitoria, Früchte, Kaffee, Brot, Käse und Schinken, süsses und salziges Gebäck und Fruchtsäfte. Acerola und Cupuaçu, beide ausnahmsweise ohne Zucker, der flüssige Süssstoff steht daneben, auch Açai-Saft hat mir ein freundlicher Kokosnussverkäufer bereits pur zu trinken gegeben. Ein Geschmack zwischen Henna und Heidelbeeren, sehr nahrhaft. All diese Beeren und Früchte des Tropenwaldes sollen äusserst gesund sein und sind begehrt. Ohne Zucker finde ich sie allerdings kaum geniessbar, keine exquisiten Geschmäcker, nicht nur die Süssigkeit fehlt, Cupuaçu schmeckt sogar etwas käsig. Mein liebster Fruchtsaft hier ist die Laranjada, Orangensaft mit Eiswürfeln vermischt, weniger sauer als bei uns und deshalb für meinen Magen verträglich, ich bin nicht mehr sehr experimentierfreudig.

Zwischen 7 und 8 Uhr abends ist immer eine Polizeipatrouille unterwegs in den tagsüber belebten oberen Gassen des historischen Zentrums. Zwischen 9 und 10 Uhr abends jedoch, wenn ich zurück zu meinem Hotel gehe, dann hat es keine Menschen mehr in den Gassen und auch die Polizei ist weg, etwas das mich beunruhigt. Die engen Gassen sind glücklicherweise gut beleuchtet, doch eben auch einsam, denn im oberen Teil der Altstadt hat es fast nur zerfallene Häuser, die Fenster zugemauert, niemand wohnt hier.
Um neun Uhr abends ist dafür noch eine Frau der städtischen Strassenreinigung unterwegs in der belebten unteren Altstadt. Sie bewegt ihren Besen und ihre Schaufel mit einer derartigen Eleganz, dass das wie eine Performance wirkt. Auf mich. Im übrigen scheinen die Leute eher damit beschäftigt zu sein, ihr Bier zu trinken, sie sehen diesen Spektakel leider nicht, und ein paar andere, häufig mit Dreadlocks und ziemlich ausgemergelt, laufen mit nervösem Blick hin und her und versuchen etwas zu verkaufen oder beteln. Crack, meint die Besitzerin der familiären Poussada Vitoria, in der ich wohne. Eine weit verbreitete Droge überall in Brasilien. Gegen Norden hinunter - das Hotel befindet sich zuoberst auf dem Hügel - da solle ich nicht hingehen, gefährlich, Drogen. So verpasse ich nun leider den Markt und den Fischerhafen. Die wären nämlich genau dort gewesen.
Dafür habe ich mich zur Genüge in der Einkaufsmeile der Stadt umgesehen, Laden an Laden reiht sich in einer Strasse mit einigen schönen Kolonialbauten. Ein Irrsinn, all diese Verkaufstempel und der Menschenstrom, der hindurch fliesst, so dass man kaum vorwärts kommt. Und weil alles im Überfluss vorhanden ist, muss alles lauthals angepriesen werden. Verkäufer mit Megaphonen stehen vor den Läden, laute Musik, manchmal Clowns und andere Gaukler, Frauen die vor dem Laden stehen und irgend eine Fahne schwingen oder halbnackt tanzen. Grotesk das ganze, dieser Konsumwahn, in solchen Situationen ist mir Brasilien echt unsympathisch. Absurd.

In Sao Luis hat es vermehrt schwarze Leute, im Amazonasgebiet waren sie seltener als in der Schweiz. Einmal von der Sklavenschaft befreit, sind alle an die Küste gezogen. Vielleicht wollten sie zurück nach Afrika, hofften auf ein Schiff, das sie mitnehmen würde.
Sao Luis wird die Metropole des Reggaes genannt. Davon merke ich wenig. Die Musik, die man überall hört, finde ich extrem fade. Ein einziges Konzert tönt spannend. Doch sind die Lautsprecher derartig laut aufgedreht, dass ich lieber von der Strasse aus zuhöre. Doch dort kann ich mich nicht lange aufhalten. - Überhaupt, ich muss es zugeben, ich fürchte mich, nach 10 Uhr nachts allein ins Hotel zu gehen.

Umgekehrt habe ich am Nachmittag in einer Schiffsstation, in der nur Penner herum sassen, zu zeichnen begonnen. Wartende Fahrgäste gab es nicht, kein Schiff fuhr weg, die Meeresbucht, an der Sao Luis liegt, war um diese Zeit ausgetrocknet, Ebbe. Das Zeichnen war zwar mühsam, weil der Verkehr auf der Uferstrasse mir immer wieder die Aussicht verdeckte. Auch weil die Penner häufig vor mich hin standen und ich so nichts mehr sah. Geschafft habe ich es schliesslich doch, und wurde nicht belästigt. Ein Mann sass neben mir und sah mir die ganze Zeit still zu. Erst am Schluss lobte er mich. Er wolle mir nun auch etwas zeigen. Und holte in einem Schopf eine ganze Sammlung von Schiffsmodellen hervor. Die habe er selber gemacht, meinte er stolz. Und bedankte sich für meine Aufmerksamkeit.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Belem, 2.Mai









Osama Bin Laden sei erschossen worden, endlich, antwortet mir die Serviererin auf meine Frage, ob es gefährlich sei in Belem. Ich solle das dann in den Nachrichten schauen heute Abend.
Die Sicherheit. Ich fühle mich in Belem nicht wohl, weil hier alle Leute sagen, es sei gefährlich. Auch diejenigen, die hier wohnen und das ist neu. Gestern Nacht um zwölf Uhr, ich bin mit ein paar Backpackern, die ich auf dem Schiff kennen gelernt habe im Hotel Amazônia gelandet, unser Schiff erreichte die Stadt am Abend, eine schlechte Zeit um zu suchen, insbesondere an einem Sonntag Abend, wo sowieso keine Menschen in den Strassen sind. Ein junger Engländer und eine Genferin, wollten noch Musik hören gehen und fragten mich, ob ich mitkommen. Die Gelegenheit, dachte ich, alleine würde ich mich sowieso nie zu solch einem Ausgang aufraffen. Wir nehmen ein Taxi zu einem ersten Ort, den man uns angegeben hat, am Wasser, neben Schiffen, die laute Punkrockmusik zerschlägt mir bereits am Eingang fast die Trommelfelle, zum Glück wollen meine Begleiter auch nicht hinein gehen. Wir lassen uns an einen weiteren Ort chauffieren, dort geht es zu Ende, 11Uhr nachts scheint in Belem nicht mehr viel los zu sein. Zu Fuss sind wir schliesslich vom Hotel aus unterwegs auf der Suche nach einer Bar, die Strassen sind bereits menschenleer. Als wir einem Mann mit einem riesigen Basketballschläger begegnen ist mir nicht mehr wohl, Blaulicht etwas weiter entfernt, ich will umkehren und kann meine Begleiter schliesslich davon überzeugen. Nur knapp entkommen wir einem offensichtlich unter Drogen stehenden Typ, der ziemlich aggressiv auf uns einschwatzt. Die Türen selbst im Backpackerhotel sind auch tagsüber verschlossen, überall muss man erst läuten, im Hotel Massilia, wo ich jetzt wohne, eine Klasse besser, wird die Strasse sogar mit Video überwacht, gefährlich meint man, selbst wenn nachts in der Strasse ein Wachtmann zirkuliert. Die Häuser haben alle Gittertüren vor den eigentlichen Türen und elektrische Drähte über den Mauern, selbst im Reisebüro in der Strasse kann man nicht einfach eintreten, sondern muss erst läuten. Das gibt mir merkwürdigerweise nicht ein Gefühl der Sicherheit sondern ganz im Gegenteil.
Trotzdem bereue ich es bereits fast wieder, für Morgen ein Flugticket nach Sao Luis gebucht zu haben. Vielleicht hätte ich der Stadt doch mehr Zeit geben müssen, die Leute sind alle so freundlich zu mir. Die Serviertochter, der Kokosnussverkäufer, alle gesprächig und erstaunt, wie gut ich Portugiesisch spräche. Viele Leute sprechen hier übrigens auch Französisch, französisch Guayana ist nicht weit entfernt, Belem ein beliebtes Ausflugsziel.
An der Grenze zu Frankreich, meint der pensionierte Franzose, als er von der Grenze zu Guayana spricht. Seine Frau, auch Französin, ist Lehrerin und arbeitet dort. Er sei früher Buschpilot gewesen, Urwald, den habe er genügend gesehen. Ich kenne die beiden vom Schiff, das uns von Santarem nach Belem bringt. Sie haben eine Kabine gebucht, ich hause im Frachtdeck.

Weil Brasilien so gefährlich sei – nur deswegen – wolle sie mich mit diesem netten jungen Mann verkuppeln. Das sei ein Seriöser und allein reisen für mich gefährlich. Nur deswegen möchte sie, dass ich mit ihm zusammen sei, er habe doch so von meinen blauen Augen geschwärmt, das sei ein Scheuer, meint Senhora Grace, die extrem voluminöse blondierte Brasilianerin in meinem Alter. Nein, kein Problem, die Männer hier würden ältere Frauen sehr mögen. Sie selber mindestens, hat immer einen ganzen Trupp junger Männer um sich, allerdings bin ich nicht ganz sicher, um was es denen genau geht. Grace ist eine charmante Frau und eine gute Unterhalterin und grosszügig und lebensfroh, trotz all ihrer Fettwülste die sie freizügig zeigt - wie das in Brasilien normal ist. Da hat der deutsche Hotelbesitzer von Novo Airao schon recht: Nirgendwo tragen die Leute ihr Übergewicht mit mehr Lust und Selbstverständlichkeit wie in Brasilien. Grace ist meine Hängemattennachbarin im Unterdeck. Erst weiche ich ihr aus, sie spricht viel und die ganze Zeit, doch später merke ich, dass sie durchaus eine intelligente und humorvolle etwas verrückte Frau ist. Pensioniert mit 53 Jahren, das kann man hier, für den Staat gearbeitet, aus Brasilia und gutem Haus, geschieden, vier Kinder, das jüngste 12-jährig, bei ihren Eltern, denen mache das Spass und erhalte sie jung. Der Vater sei 83 und bei bester Gesundheit. Sie reise nun in Brasilien herum, das gefalle ihr.

Das letzte Stück meiner Reise den Amazonas hinunter ist wiederum sehr angenehm, ich glaube, ich bin wirklich für diese Art von Reisen gemacht. Hängemattensüchtig und süchtig auf den Blick in diese Weite, all das Wasser, der riesige Himmel, die Farben, ein Gefühl, das man nicht wirklich beschreiben kann. Ein Gefühl von Freiheit, ein Aufgehen in der Weite, fast löst man sich auf, verliert an Gewicht, ich finde keine passenden Worte dafür.
Das Frachtdeck war übrigens perfekt. Gute Nachbarn, die übrigen Ausländer hausen einen Stock weiter oben, der Motor des Schiffes ist zum Glück recht leise, das Stampfen des Schiffes nicht lauter als die Geräusche in einem Flugzeug. Das Schiff ist überhaupt das modernste und luxuriöseste meiner Reise, schade nur, dass dafür das Personal unsympathisch ist und das Schiff schmutzig. Im Restaurant müssen die Speisen bezahlt werden - bis Manaus war das im Preis inbegriffen. Hier ist das Essen zusätzlich noch schlecht und den Gringos werden 10 Reals dafür abgezwackt. Etwas beruhigt bin ich hingegen, als ich sehe, dass der Kassier dafür bei den Müttern, die mit grossen Plastikgefässen kommen und das Essen für all ihre Kinder abholen, meist nichts einkassiert. Robin Hood, immerhin - vor allem wenn die Mütter jung sind und gut aussehen.
Das sind hier einige, erstaunlich jung und erstaunlich hübsch und erstaunlich nackt und die meisten ohne Mann. Eine andere Hängemattennachbarin hat drei Kinder zwischen drei und fünf, den Jüngsten trägt sie praktisch den ganzen Tag mit sich herum, viele Gefahren auf einem Schiff, um die beiden Älteren kümmert sie sich nicht mehr, die werden zwischendurch von den Müttern auf dem Oberdeck weggejagt oder ihr zurückgebracht. In der Nacht weint der jüngste Knabe erbärmlich und angstvoll, der älteste Sohn kann ihn nicht trösten. Die Mutter ist weg. Erst eine Stunde später taucht sie wieder auf. Frisch geduscht und neu eingekleidet.
Die Austauschstudenten aus Rio, die ich auf dem letzten Schiff getroffen habe, haben ebenfalls festgestellt, dass die Brasilianer zwei- bis dreimal täglich duschen. Ihr Lehrer habe dazu gemeint, weil sie dreimal täglich Sex hätten. Das sei doch nicht ernst gemeint, werfe ich ein - doch die drei sind da anderer Meinung. Sie würden die Brasilianer unterdessen kennen. Das glaubten sie dem schon.

Mühsam an dieser zweitägigen Fahrt war eigentlich nur, dass ich meinen Computer nicht benutzen konnte, denn wenn man keine Kabine hat, tut man gut daran, nicht zu zeigen, was man alles an Wertsachen im Gepäck mitführt. - Obwohl ich ja nur gute Erfahrungen gemacht habe. Kein einziges Mal wurde mein Gepäck berührt und ich bin häufig im Schiff unterwegs gewesen und manchmal stundenlang nicht bei meiner Hängematte aufgetaucht. – Da habe ich bei Backpackern ein weit unbehaglicheres Gefühl. Gestern Abend meinte doch der junge Engländer ohne mit der Wimper zu zucken auf die Frage, wie viel er für seinen Vakuumbag bezahlt habe – offensichtlich ein beliebtes Gepäckstück bei Travellern, man kann seine Kleidung auf ein Minimalvolumen zusammen pressen – also gekauft habe er den nicht, den Preis kenne er nicht, den habe er jemandem geklaut. Ich habe darauf in unserem Viererzimmer – es war wirklich billig – all meine Wertsachen auch beim Schlafen auf dem Körper getragen.

Auf dem Kopf tragen die Leute, die etwas mit Gastronomie zu tun haben, hier immer kleine Häubchen, welche die Haare abdecken, Männer wie Frauen. Der Hygiene halber, man scheint das sehr ernst zu nehmen. Weshalb zum Teufel, finde ich trotzdem immer wieder Haare in meiner Suppe? - Manchmal sogar einen Mundschutz. Für die Hygiene sorgt ebenfalls Toilettenpapier, das nur ganz selten fehlt, da mögen die Toiletten noch so schmutzig sein. Auch Trinkwasserautomaten gibt es auf allen Schiffen in Brasilien und in den meisten billigen Hotels. In teureren Hotels muss man das Wasser hingegen kaufen.

Um 3 Uhr fahre das Schiff, doch ich müsse um 12 Uhr im Hafen sein, meint die Frau, die mir das Ticket von Santarem nach Belem verkauft. Das ist mir bekannt und war bereits in Peru so, die Passagiere kommen alle Stunden im voraus um sich einen guten Platz für ihre Hängematte zu erobern. Ich finde meinen Platz zwischen einer Gruppe junger Mütter und Grace, das scheint mir eine sichere Wahl. Wie gut sie ist, merke ich erst später, denn die Mütter bewachen ihr Territorium wie Löwinnen und lassen niemanden herein, den sie nicht wollen, da habe ich Glück gehabt. Und genügend Platz um meine Hängematte schwingen zu lassen.

Ich beobachte die Leute, wie sie ihre Hängematte aufhängen. Es gibt ganz verschiedene Methoden. Manche wählen zwei nahe beieinander liegende Punkte, ihre Matte hängt stark durch, eher ein Sitzen als ein Liegen. Ich persönlich bevorzuge zwei weit auseinander liegende Punkte. Die Hängematte wird viel flacher und die Haltung eher die des Liegens. Auch die Knoten werden ganz unterschiedlich geknüpft. Ich beobachte einen Mann, der ein rundes Hölzchen in den Knoten schiebt. Eine gute Idee, denn vom Gewicht werden die Knoten stark zusammengezogen, das Lösen ist oft schwierig. - Ich selber lobe immer noch meine Kletterhacken, eine geniale und sehr schnelle Lösung.

Ich inspiziere das Schiff, nicht schlecht, etwas wenige Sitzgelegenheiten draussen, das Bardeck ist winzig und die Musik dort unerträglich laut. Einen Frachtraum hat es nicht wirklich. Riesige Gummipneus reisen auf unserem Deck mit und auch ein paar Motorräder, keine neuen. Der Rest der Ladung muss durch Luken aus dem Schiffsbauch empor geholt werden, nicht wirklich eine elegante Lösung, die bei jedem Stopp viel Zeit braucht. Ich entdecke ein Verbotsschild: Nicht mit nacktem Oberkörper herumlaufen, das tun viele Männer, nicht rauchen, auch das, keine Tiere an Bord, ich sehe ausser Insekten auch keine, kein Alkohol, der wird allerdings oben in der Bar verkauft. Ein freundlicher Mann kommt auf das Schiff und verteilt kleine Traktate mit Sprüchen aus der Bibel, etwas von Paradies steht da. Das brauche ich nicht, sage ich ihm, ich sei bereits dort angelangt. Als eva.

Der Weg ist das Ziel. Und offensichtlich immer mit viel Warten verbunden.
Um drei Uhr nachmittags fährt das Schiff nicht los, um fünf Uhr steht es immer noch im Hafen und jetzt frage ich eine Nachbarin, ob sie denn wisse weshalb. Kein Treibstoff meint sie. Der Preis sei zu teuer, man sei am Verhandeln. Um 17:45 verkündet sie mir dann freudig, der Treibstoff sei nun gekommen, man sei sich einig geworden. Um sieben Uhr abends verlassen wir Santarem mit dem letzten Tageslicht, die bereits angezündeten Lampen der Stadt verschwinden langsam im Abendrot.

Nicht warum, meint Jobao, sei die Frage im Leben, sondern für wen. Kein mail von ihm in Santarem, schon beginnt sein Bild zu verblassen. Unter der Sonne der Tropen, in der schwülen Trägheit des Tages löst sich alles in Luft auf. Schweben über dem Wasser, wie die am weitesten entfernten Inseln am Horizont. Scheinbar.
Es soll Leute geben, die tagelang auf die Abfahrt ihres Schiffes warten.

Der älteste Knabe einer 5-köpfigen Familie – auch hier reist kein Mann mit, der Knabe ist etwa 12-jährig – ist Koch und Träger, Aufpasser und Beschützer gleichzeitig. Ich schaue ihm zu, wie er eine Trinkflasche für das Baby zubereitet. Heisses Wasser holt er und schmeisst dann löffelweise Milchpulver hinein und zwischendurch einen Löffel in seinen Mund. Er scheint das zu mögen, seine pummelige Gestalt lässt darauf schliessen. Anschliessend kommen auch noch ein paar Löffel Zucker dazu, das Baby wird es Danken, der Knabe ebenfalls, er nimmt auch einen Schluck und geht anschliessend Geschirr waschen, die Mutter ist mit ihrem Jüngsten beschäftigt, das absorbiert sie vollkommen. Um drei Uhr nachts verlässt die Familie in Prainha das Schiff, der Knabe rennt mehrmals hinaus, das ganze Gepäck schafft er alleine von Bord.

Am Morgen als ich erwache, sehe ich Berge am Horizont, ich definiere mir diese als Regenwolken, meine Brille habe ich noch nicht auf. Mit Brille stelle ich dann fest, dass es trotzdem Berge sind, die sich saftig grün bewaldet in den tiefen Wolken verlieren. Die dem Ufer am nächsten liegenden sehen etwas wie Tafelberge aus, rote Abbrüche, so hohe Erhebungen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Die Serra Paranaquara oder die Sierra Almeirim? Die höchsten Erhebungen Brasiliens liegen übrigens im Norden des Landes in Richtung Venezuela. Etwa 1500m hoch, nichts Besonderes, Brasilien hat keinen Anteil an den Anden. Die Flussufer sind nur schwach besiedelt, einzelne Häuser, kleine Ortschaften, kein Grossgrundbesitz, viel unberührter Wald auch immer wieder. In Almeirim kaufe ich frischen Käse ein, sehr salzig, keine Lust auf dem Boot zu essen, auch ein Bündel Bananen, nur Brot finde ich keines.

Ich mache Bekanntschaft mit einem Camionchauffeur aus Chile. Sein Lastwagen sei auf einem anderen Schiff, in Belem müsse er dann etwa 6 Tage darauf warten. Er wohnt in einer Kabine und sieht – wie die 5 übrigen Fernfahrer ebenfalls – überhaupt nicht so aus, wie wir das von Europa her kennen. Drahtige gebildete Typen, nicht bullige Männer mit Tätowierungen. Wochenlang sind sie mit ihren Lastzügen unterwegs. Keine schlüssige Antwort haben sie allerdings auf meine Frage, warum auf dem Amazonas die schwimmenden, fix aneinander gekoppelten Lastflosse von einem Schiff gestossen werden, und nicht wie auf dem Land gezogen. Ein physikalisches Problem, ich kann mir da nichts zusammen reimen und die Erklärungsversuche der Chauffeure erscheinen mir auch nicht recht schlüssig.

In der zweiten Nacht fahren wir durch ein enges Gewässer, ein Netzwerk von Wasserwegen verbindet das Delta des Amazonas mit demjenigen des Tocantins, an dem Belem liegt. Beidseitig sind die Ufer nahe, Siedlungen im Wald, viele kleine Lichter deuten darauf hin.

Breves um 2 Uhr früh, der letzte Stopp vor Belem. Erstaunlich dieser Ort im Urwald, ein mehrstöckiges modernes Gebäude bei der Anlegestelle, im Erdgeschoss eine Bar, sie ist noch geöffnet, die Ankunft des Schiffes. Leute warten, ein Mann pisst mit weitem Strahl ins Wasser, daneben steht seine Freundin, wahrscheinlich, mit kürzestem Rock und höchsten Absätzen, sie unterhalten sich dabei. Viele Brasilianerinnen würden in Europa als Prostituierte angesehen. Die Art, wie sie herumlaufen, das kann leicht zu Missverständnissen führen. Auf dem Quai warten drei grosse schwarze Offroadfahrzeuge. Wozu? Ein weitläufiges Strassennetz hat es hier nicht.

Der letzte Morgen beginnt mit strahlendem Sonnenschein, das Wasser ist wieder weit geworden, doch von vielen kleinen Inseln übersät. Manche sind bewohnt, kleine bunte Holzhäuser auf Stelzen in dicht wuchernder Vegetation, als Nutzpflanzen entdecke ich vor allem die elegante Palme, die die Palmherzen liefert. Immer wieder kommen Kinder mit ihren Einbäumen sehr nahe an das Schiff heran, ich denke, sie tun das, weil sie gerne von den Wellen des Schiffes geschaukelt werden - eine Abwechslung im sonst monotonen Leben - ein paar Leute schmeissen Plastiksäcke mit Abfall ins Wasser, das ärgert mich. Später erfahre ich, dass in diesen Säcken Essmittel, manchmal auch Kleider seien für die Kinder der „Ribeirinhos“, der Uferbewohner, für die ein städtischer Brasilianer offensichtlich Mitleid empfindet. – Und ich habe mir doch eben gerade überlegt, dass jemand, der genug von unserem gehetzten Leben hat, ein Aussteiger, in Brasilien noch genügend einsame Natur findet, in der er sich niederlassen kann und von Selbstversorgung leben. Eine andere Qualität von Leben – für die Brasilianer offensichtlich wenig Verständnis haben.
Später kommt ein Kanu dem Schiff so nahe, dass ich Angst habe, dass es überfahren wird. Im letzten Moment wirft der etwa 12-jährige Knabe einen grossen Hacken in die alten Pneus, die den Schiffsrumpf schützen und bindet geschickt und rasch sein Kanu am Schiff fest. Im Boot sitzt noch ein etwas jüngeres mageres Mädchen mit Körbchen und Plastiksäcken voller Crevetten und Açai-Beeren, einer Frucht von Palmen, die von den Brasilianern ihres Nährstoffgehaltes wegen sehr geschätzt wird. Sie verkaufen all ihre Ware, die Krevetten scheinen gut zu sein, die Leute degustieren, und fahren mit etwa 40 Reals zurück, einem schönen Betrag hier sicherlich.

In den Styroporkisten auf unserem Deck müssen Fische gelagert sein, der Geruch wird immer deutlicher, anfangs habe ich das nicht wahrgenommen, zum Glück erreichen wir Belem in ein paar Stunden.

Unmerklich hat sich die Ockerfarbe des Wassers in ein Ockerolivgrün verwandelt, mit Meerwasser vermischt, salzhaltig bereits, die Bäume sind nicht mehr überflutet, die Wurzeln der Mangroven schauen jetzt aus dem Wasser, Niedrigwasser momentan, der tägliche Wechsel von Ebbe und Flut hat den Wechsel von Regen- und Trockenzeit bereits wieder verdrängt. Ich habe mir das vorzustellen versucht. Diese durchschnittlich 15m, die der Wasserstand des Amazonas - all dieser Wässer - bei der Regenzeit höher liegt. Die müssen sich im Flussdelta verlaufen, denn eine 15m hohe Wasserkante am Meeresrand, die gibt es nicht.
Die letzten Kilometer und die letzte Stunde der Reise verbringe ich mit vielen anderen auf der Spitze des Schiffes. Irgendeinmal taucht über den Bäumen der erste Turm eines Hochhauses auf, Belem. Eine euphorische Stimmung verbreitet sich unter den Leuten. Viele von ihnen arbeiten in Manaus, weil es dort mehr Arbeit gibt, und haben ihre Angehörigen seit Monaten, wenn nicht gar Jahren nicht gesehen.
Als die Stadt dann richtig am Horizont auftaucht, erschrecke ich doch etwas. Eine Silhouette wie Manhattan, so viele Hochhäuser, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Von Nahem ist es dann aber doch nicht gleich, die Gebäude meist schmutzig verfärbt und verlottert, das Zentrum von Belem ein chaotisches Gemisch von teuren gut bewachten Hochhäusern und sehr ärmlichen Gebäuden. Alles äusserst dicht beisammen, unter der feuchten Hitze, die fast unerträglich ist. Doch zum Glück auch immer wieder üppig grüne Mangobäume und etwas heruntergekommene Parks.

Nein, dieser Weg, den ich gehen wolle, 5 Minuten zu Fuss schätze ich, der sei gefährlich. Und dort habe es nicht viele Restaurants, nur ein paar. Und am Montag sei sowieso fast alles geschlossen, meint der unfreundliche Mann an der Rezeption heute Abend. Ein Taxi solle ich nehmen und in die Docks gehen, meint er, immer Taxi, sobald es finster sei, Belem sei eine der gefährlichsten Städte Brasiliens. Taxi hin und Taxi zurück, bereits 20 Reais, das Essen in den alten, umgebauten Docks ist gut. Bereits gestern Abend haben wir dort gegessen. In meinem Reiseführer steht „Kulturzentrum“. Mir scheint es eher ein kommerzielles Zentrum, viele Restaurants direkt am Wasser, Boutiquen mit schönen und teuren Kleidern und Schmuck, alles abgetrennt durch einen hohen Zaun und Wachmänner von der eigentlichen Stadt. Und zwischendurch hängen von den hohen Decken der alten Hallen – innen gänzlich umgestaltet und klimatisiert - Plattformen herab, von denen Musiker ihre weichgespülte, konsumtempelgängige Musik herunterträllern. Ich kaufe mir zum Trost Copaiba-Öl und Duftsäcklein mit der Aufschrift „Para“, Duft der Region, die lege ich nun zwischen meine Wäsche. – Ob ich daran glaube, dass Bin Laden erschossen worden sei, fragt mich der Taxichauffeur, der mich zurück bringt?

Santarem, den 28.April








In der Abenddämmerung spaziere ich der Uferpromenade, dem rund 1km langen verbauten Ufer entlang, ca. 10m breit, etwas über das Festland erhoben, heute nach den starken Regenfällen des Vortages sieht man das sehr gut, ausgedehnte Wasserlachen liegen dahinter. Immer mit Geländer, selten mit Schatten spendenden Bäumen, zwischendurch mit kleinen Häuschen, in denen man sitzen kann, oder in denen etwas verkauft wird, kitschiges oder einbetoniertes Kinderspielzeug, wenig genutzt, wurde auch eingepflanzt, Schatten und Grün hingegen fehlen. In der Abenddämmerung trotzdem ein beliebter und belebter Ort, Männer, die fischen und Frauen in Jogginganzügen. Merkwürdigerweise treffe ich die jedoch weder beim Rennen, noch in verschwitzten Zustand an, ich bin nun nicht ganz sicher, ob dies der körperlichen Ertüchtigung dient.
Und stelle mir vor, wie die Uferpromenade aussieht in der trockenen Jahreszeit. Ungefähr 15m tiefer ist dann der Wasserspiegel, der Höchststand ist bald erreicht, viel mehr geht nicht mehr, sonst würden die Farmhäuser an den Ufern, die jetzt nur noch gut einen Meter über der Wasserline stehen, überschwemmt. Das müssen ja enorm hohe Betonwände sein, die sich im Sommer aus dem Wasser erheben.
Dem Sonnenuntergang entgegen spaziere ich, westwärts, dramatisch rot der Himmel, wie immer über dem Wasser, eindrücklich, fast kitschig, trotz der Türme und Förderbänder am anderen Ende der Bucht. In Santarem wird Soja verladen. In grosse Tanker eingeblasen wie Pellets, keine Containerschiffe, hat mir der Peter aus der Schweiz erklärt. Und ja, Banditen, die Leute aus Para, selbst die Regierung. Da könne man nichts machen. Brasilien sei riesig und habe andere Probleme, doch bekannt sei das. Ich lese in meinem Reiseführer, dass vor 5 Jahren eine Nonne, die sich gegen die unrechtmässige Abholzung des Waldes für den Sojaanbau und die Viehwirtschaft zur Wehr gesetzt habe, durch einen Grossgrundbesitzer niedergeschossen worden sei.

Banditen in der Regierung habe es im Staate Para, sage ich heute Morgen der netten älteren Frau, die mich auf Portugiesisch durch das kleine lokale Museum führt, als wir im Saal mit den Portraits der ehemaligen Gouverneure sind. Sie meint lachend ja, immer noch. Die Frau da, das sei die momentane Regentin des Teilstaats Para, ein Jammer. Man hoffe, sie werde in zwei Jahren abgewählt. Und dem älteren Herrn am Eingang, der mir gesagt habe, er sei der Besitzer des Ortes, dem solle ich nichts geben, wenn er mich um Geld bitte. Das Museum sei gratis und der dort stecke sowieso bereits drei Staatsgehälter ein.

Santarem finde ich trotz Uferpromenade und Fussgängerzone keine schöne Stadt. Es gibt zwar Ecken mit riesigen alten Mangobäumen und Palmen, doch sind sie rar, die koloniale Vergangenheit der Stadt fast gänzlich ausradiert und durch hässliche, bereits heruntergekommene neue Gebäude ersetzt. – Trotzdem erinnert mich das Flussufer am Mittag etwas an das Mittelmeer - so breit ist hier der Fluss – auch das helle Licht, die Spiegelungen, wie Fata Morganas schweben die weit entfernten Flussinseln über dem Wasser, Himmel und Wasser vermischen sich an manchen Stellen, heute ist bereits wieder ein strahlender und extrem heisser Tag. Zum Glück weht vom Fluss her, einer fast endlosen Wasserfläche, ein angenehmer Wind.
Was ihn denn hierher verschlagen habe, frage ich einen Deutschen, der im Internet arbeitet. Vielleicht das Wasser, meint er, gestrandet sei er.

Ich genehmige mir einen Kokosnusssaft, „Coco helado“ genannt hier, denn die Nüsse werden in Kühlboxen gelagert, mein Lieblingstropendrink, und staune darüber, wie vielfältig in Brasilien die Öffnungstechniken sind. Manchmal, doch selten, wird mit einem grossen Messer die Spitze mit mehreren Hieben abgehackt. Häufig jedoch, werden verschiedene Stech- und Bohrwerkzeuge eingesetzt. Mit unterschiedlichem Erfolg, manchmal sind die Löcher so eng, dass keine Luft eindringen kann und der Saft deshalb nicht hinaus, ein zweites Loch muss gebohrt werden - oder feine Späne der Schale dringen in den Saft und verunreinigen ihn. Die perfekte Methode scheint noch nicht gefunden worden zu sein. - Bier wiederum wird hier in Kühlboxen serviert, so wie wir sie für Weisswein verwenden und Autoradios fungieren als Ersatzdiscos, überall entlang der Uferpromenade werden Wagen abgestellt, die Türen offen gelassen und das Radio auf volle Lautstärke gestellt. Auch Mücken hat es in Santarem, Dengue soll es hier keine geben.
Auf der Uferpromenade von Manaus wird nicht nur gefischt und spaziert und gegessen und getrunken, auch Freaks mit Dreadlocks bieten hier ihren Schmuck an. So wie ich dies bisher überall auf meiner Reise, wo flaniert wird, gesehen habe.

Brasilien ist bereits sehr westlich für meinen Geschmack, das amerikanisierte Essen habe ich schon mehrmals erwähnt. Noch viel unangenehmer finde ich, dass es kaum Hotelzimmer mit Ventilatoren und Fenstern mit Moskitogittern gibt. Brasilianer wünschen offensichtlich Klimaanlagen. Häufig haben die Zimmer nicht einmal ein Fenster, das scheint nicht zu stören - in einen Fernseher kann man ja auch starren - doch dafür eine Klimaanlage. Hat es einmal Fenster, so kann man die nachts trotzdem nicht öffnen wegen der Mücken. In feuchtheissem Klima jedoch, ist es unmöglich, mit geschlossenem Fenster ohne Ventilator oder Klimaanlage zu schlafen, innert kürzester Zeit wird es derartig stickig, dass man durchgeschwitzt erwacht.

Halb elf Uhr abends, immer noch Stimmen und reger Verkehr vor meinem Fenster, das direkt auf die Uferpromenade an ihrem östlichen und damit schönsten Teil hinaus geht. Es war riskant, dieses Zimmer zu nehmen, ich konnte der schönen Aussicht nicht widerstehen. - Darin war China im allgemeinen wirklich besser: Die Leute gehen früh zu Bett. So konnte man selbst in nicht allzu günstig gelegenen Hotelzimmern lange genug schlafen. In Brasilien ist das immer ein Riesenproblem. - Wenigstens scheint hier der Morgenlärm etwas später zu beginnen, erst gegen 7 Uhr kommt das Tageslicht. Zwischen Manaus und Santarem sind wir klammheimlich durch eine Zeitzone gefahren und Europa damit eine Stunde näher gerückt.

Santarem, den 27.April









Von Novo Airao zurück nach Manaus habe ich mit einem schweizerisch-brasilianischen Ehepaar mitfahren können. Peter und Roseli. Er aus Biel, einige Jahre in Amerika gelebt, der merkwürdige Akzent im Berndeutsch muss davon kommen, doch meistens in Brasilien. Wohnen tut man in Sao Paolo. Roseli besucht über Ostern ihren Ehemann, der zwei Autostunden von Manaus entfernt in Itaquatiara wohnt, einer Stadt mit 80'000 Einwohnern, einer Fabrik zur Sojaverarbeitung und einem Hafen zum Umladen der Ware auf Meerschiffe. Nicht sehenswert, meint Peter, doch auch Sitz der schweizerischen Gesellschaft „Precious Woods“, die hier umweltgerecht Holz abbaut. Nur einen Viertel des Ertrages habe man von einer Hektare Wald im Vergleich zu normalem Holzbau, nur einen Achtel zu dem, was häufig gemacht werde, nämlich Raubbau. Das rentiere nicht recht, denn mehr als einen Viertel Aufpreis seien die Konsumenten nicht bereit zu bezahlen für FSC-zertifiziertes Holz. Peter soll hier als Berater helfen, die Sache wieder rentabel zu machen. Eine schwierige Aufgabe, meint er. Das gleiche meint auch Jobao, der Professor für Forstwirtschaft. Er kennt Precious Woods ebenfalls. Die hätten ihre Verträge noch mit der früheren Regierung gemacht, meint er, da müsse man wieder neu anfangen. Brasilen sei sehr selbstbewusst, sehr protektionistisch. Ausländische Firmen, die hier arbeiten wollten, könnten nicht einfach ihre Arbeiter mitnehmen. Das erlaube die Regierung nicht. Mindestens 60% des Auftrages müsse im Land selber mit brasilianischen Leuten ausgeführt werden. Ich finde das gut - wenigstens verkaufen die Brasilianer ihre Bodenschätze und natürlichen Ressourcen nicht zu Schleuderpreisen. Wie das in Afrika geschieht, wo man nur irgend einem Potentaten ein Geschenk machen muss, das genügt, das Volk hat überhaupt nichts davon.

Einfach sei es überhaupt nicht für ausländische Firmen in Brasilien, meint Peter weiter. Einzig die grossen internationalen Konzerne könnten mithalten, dann hier in Brasilien gäbe es bereits riesige Unternehmen, es habe einen grossen Binnenmarkt. Und wenn ein Ausländer einmal einen Fehler mache in dem komplexen und komplizierten Steuersystem, dann könne er mit riesigen Nachzahlungen rechnen, da verstehe man keinen Spass. Häufig sei das dann das Ende eines Unternehmens. Man müsse sich da schon sehr gut auskennen in den brasilianischen Begebenheiten. Und gute Rechtsberater haben. Doch Fachleute - nicht solche nur gerade mit einem Unidiplom, auch Erfahrung im Land sei gefragt - die würden hier mehr verdienen als in der Schweiz. Nirgendwo auf der Welt sei der Unterschied zwischen schlecht verdienenden Leuten und Spitzenkräften so klein wie in der Schweiz. Die Bankenbranche ausgenommen.

Ich beklage mich darüber, dass Brasilien praktisch gleich teuer ist wie die Schweiz - aber dann eben doch nicht gleich gut. Ein mittelgutes Hotelzimmer kostet hier leicht 80.- Franken, doch funktioniert das Warmwasser möglicherweise nicht, gibt es kein Nachtischlämpchen, ganz selten hat es einen Tisch, selbst Stühle selten, die Vorhänge sind heruntergerissen und auf der Dachterrasse stehen kaputte schmutzige Plastikstühle herum, die Wände sind fleckig. Für 30.- Franken kriegt man zwar immer noch ein Zimmer, doch mit Gemeinschaftsbad von zweifelhafter Sauberkeit, ich habe immer mehr Mühe, mich damit abzufinden. Abgesehen von den Imbissbuden ist auch das Essen sehr teuer. Mit meinen neuen Bekannten aus Novo Airao bin ich in ein besseres Restaurant gegangen, das kostete 40.- Franken pro Person. Und war nicht besonders gut – mindestens für meinen Geschmack. Zuerst eine gratinierte Auberginenscheibe, dann fade Ravioli in Bouillon, dann wurden Teller mit gebratenem Poulet, Schweinefleisch, Würsten und Frites auf den Tisch gestellt, dazu kam ein Kellner in regelmässigen Abständen mit verschiedenen Teigwaren vorbei, die man offensichtlich dazu essen sollte. Getrunken habe ich wie meine Begleitung Caipirinha, was in Brasilien üblich ist.

Vor drei Tagen habe ich Manaus etwas überstürzt verlassen. Zurück aus Novo Airao, habe ich feststellt, dass immer noch keiner der Biologen, mit denen ich in den Urwald hätte gehen sollen, geantwortet hatte und ich wenig Lust hatte, da nochmals nachzufragen. Irgendwie zieht es mich ans Meer. Auch Lotte, die junge holländische Biologin hat es gezogen, sie hinterlässt mir eine Nachricht, sie sei nach Belem gefahren. Enzo, der Italiener, ist nun doch abgereist und nur Picasso Jobao, wartet immer noch auf seine Gerichtsverhandlung. Kurz entschlossen nehme ich das nächste Schiff nach Santarem.

Dort treffe ich auf drei Austauschstudenten, den Kanadier Vincent, die Deutsche Katharina und die Französin Emeline. Rio de Janeiro, wo sie Portugiesisch lernen, sei wunderbar, meinen sie, sie seien hier nur ein paar Tage unterwegs während der Osterferien. Die absolut schönsten Leute gäbe es in Rio, die Musik, die Strände. Sie wollen mir „ihre Stadt“ Ende Mai zeigen. - Auch Roseli, die Brasilianerin wollte das bereits, ich denke, ich muss nun doch rechtzeitig dorthin fahren, mit kundiger Führung ist das viel interessanter.
Das Schiff, das wir diesmal nehmen, ist klein, gänzlich überfüllt und schmutzig. Schade, für die drei ist das nun nicht das wundervolle Erlebnis, das ich auf dem Amazonas stets hatte. Auch regnet es auf der Fahrt praktisch ununterbrochen, teils so stark, dass alle Plachen herunter gelassen werden müssen und das Schiff noch viel enger wirkt. In der Nacht sind die Wellen so hoch, dass wir Seegang kriegen. Trotzdem schlafe ich gut in meiner Hängematte und stelle fest, dass dies wohl die Platz sparendste Methode ist, um Leute so dicht wie möglich schlafen zu lassen. Wie in einen Kokon eingehüllt hängt man in seiner Matte, einer etwas höher ein anderer etwas tiefer, manchmal eine Berührung, wenn sich jemand umdreht, doch die Körper weichen sich frei hängend immer wieder aus und finden ihren idealen Platz. - Das tönt wohl unglaubwürdig. Man muss es erlebt haben, es funktioniert.
Deshalb buche ich nun auch noch für das letzte Stück, Santarem – Belem, weitere zwei Tage Fahrt, einen Hängemattenplatz. Diesmal sogar im Unterdeck, denn dieses Schiff ist im Oberdeck verglast und hat eine Klimaanlage. Was für ein Unsinn! Wo das Schifffahren ja gerade deshalb so angenehm ist, weil der Fahrtwind immer genügend kühlt.

Montag, 2. Mai 2011

Novo Airao, 23.April







Ein sonniger Morgen, das ist nach den sintflutartigen Regenfällen gestern völlig unerwartet. Ich stehe früh auf, die meisten Gäste ebenfalls. Familien mit Kindern, auch Familien mit erwachsenen Kindern oder Kinder, die ihre betagten Eltern mitnehmen. Paare sind selten, Einzelperson bin ich die einzige. Die meisten Gäste sind recht unförmig dick und in enge Kleider gezwängt, die viel Haut offen lassen. Ich schaue den Leuten beim Fotografieren zu. Sie stehen an die Brüstung vor das herrliche Flusspanorama. Allerdings ist das hell erleuchtet, unter dem Dach der Terrasse hingegen herrscht Dämmerlicht. Das forcierte Lächeln, das sie in die Kamera werfen, wird deshalb kaum erkennbar sein, denn der Vordergrund bleibt dunkel. Die vielen Leguane in den Bäumen vor der Terrasse werden ebenfalls fotografiert, auch sie eher ein schwieriges Fotosujet in den Blättern, was soll’s, die Leute sind zufrieden und am Fernseher läuft, von Werbung immer wieder unterbrochen, eine Sendung, die zu Ostern passt.

Neun Uhr abends, ich habe noch nicht gegessen, ein kleines Restaurant gleich um die Ecke, ich erwarte nichts und erhalte mehr. Eine halbe Stunde warte ich auf ein Sandwich Anavilhanas, nach der Inselgruppe hier benannt. Nach etwa 20 Minuten erklärt mir die Frau auf meine Frage, wo denn mein Bier sei? Bier hätten sie keines, ich solle mir das in der Nachbarschaft kaufen. Nein Danke, meine ich, dann halt nur Sandwich. Nach einer weiteren Ewigkeit kriege ich dann mein Sandwich, frisch gemacht, warmes Brot, Poulet und Palmherzstücke frisch gedämpft, frisch geraffelte Karotten, Tomaten und Salat sind auch darin. Alles wunderbar. Ein Bier bringt man mir nun doch, offensichtlich ist man das suchen gegangen. Alles für 8 Reals. Da ist nun wirklich nichts zu sagen. Auf der anderen Strassenseite sitzen zwei Youngsters mit Schiebermützen breitbeinig vor dem orange gestrichenen neuen Haus ihrer Eltern. Musik dröhnt aus riesigen Boxen am Strassenrand, sie blicken hochmütig herüber, scheinen sich für die Götter dieser Welt zu halten. Es sind dieselben, die ich gestern mit einem riesigen PickUp habe im Städchen herumkreisen sehen. Auf der Ladefläche die Lautsprecher, deren Musik in die Strassen hinausdröhnt. Zur Erheiterung der Leute vermutlich, denn verkaufen tun sie nichts.

Laut war auch der Prediger heute Abend in der hell erleuchteten, aber nicht sehr vollen Kirche. Er verkündet vermutlich schreiend das Ende der Welt, das kann man ja nur laut, sonst wird das nicht ernst genommen.
Ein stockbetrunkener Indio liegt im Komma mitten auf der Strasse, wir warten neben dem Kirchenraum auf die Polizei, vor uns hat niemand angehalten, es ist Nacht, die Strasse schlecht beleuchtet, der hätte jeder Zeit überfahren werden können. Ich bin froh, dass meine zwei Begleiter, beides Deutsche und irgendwie in Novo Airao hängen geblieben, medizinisch bewandert sind, einer Krankenpfleger und einer Sozialarbeiter. Ich habe eigentlich befürchtet, dass der Mann tot sei, keinen Mucks hat er mehr getan. Doch, er atme noch, flach zwar, auch der Puls noch vorhanden, die Adern an der Hand würden hervorstehen, das sei ein gutes Zeichen. Schmerz empfinde er keinen, spüre überhaupt nichts mehr. Nach einer langen Weile und mehreren Telefonanrufen kommt dann endlich die Ambulanz. Der eine Deutsche, ein Hüne, der früher hier im Spital Krankenpfleger war, zieht Plastikhandschuhe über und hilft mit anpacken. Obwohl der Indio wohl kaum schwer wiegen mag, ausgemergelt sieht er aus. Die Sanitäter parkieren den Mann auf einer Bare hinten im Auto, nicht einmal angebunden wird er, und alle drei setzten sich wieder vorne hin. Doch da greift der Krankenpfleger ein und stoppt den Wagen, alleine könne man den Mann nicht hinten lassen. Mürrisch steigt einer der Sanitäter aus und setzt sich zum Besoffenen. Ein Indioleben wiegt eben nicht viel.

Der Krankenpfleger aus Berlin baut hier eine Schreinerei auf, nein, mit dem Spital sei nichts mehr, seine Schwester, die dort jahrelang Oberschwester gewesen sei und der später die Spitalleitung anvertraut worden sei, habe in dieser Funktion dem Bürgermeister nichts von dem Geldsegen der Regierung abgeben wollen. Und deshalb den Job nicht lange behalten. Da sei auch er gegangen. Die Schwester sei wieder Oberschwester, wieder ohne Vollmachten um mit dem Geld zu wirtschaften. Und er wolle nun mit Holz arbeiten. Doch, das frustriere natürlich schon, diese Korruption hier. Man versuche den Bürgermeister das nächste Mal abzuwählen.
Novo Airao kenne er seit Jahren, seine Schwester sei bereits lange hier ansässig, er jedes Jahr einen Monat hier in den Ferien gewesen, verliebt habe er sich in den Ort, die Weite, das Wasser, das Fischen. Vor drei Jahren habe er sich auch noch in eine Einheimische verliebt. Das sei der Moment gewesen hier zu bleiben. Der Mann hat eine ganz erstaunliche Körpergrösse und –breite und ein riesiges Auto. Wegen seinem Umfang, meint er. Der PickUp dient auch beim Aufbau seiner Holzverarbeitungsstätte.
Dabei hilft ihm ein anderer Deutscher, ein junger Sozialarbeiter, eigentlich in Luzern aufgewachsen, Schweizerdeutsch will er aber nicht sprechen, er sei für Sprachen nicht begabt. Ein Jahr bereits unterwegs, durch Europa mit dem Velo, dann Indien, wie er anschliessend nach Equador gelangt ist, das habe ich ihn nicht gefragt. Auf dem Rio Napo dann nach Iquitos, auch er ist dort zwei Wochen hängen geblieben. Dann flussabwärts, wie ich, doch merkwürdigerweise nicht direkt nach Manaus, sondern in der letzten grösseren Ortschaft vorher, in Manacapuru, ausgestiegen. Und einen Fluss hinauf gegangen, später dann hierher, ihm gefällt der Ort. Er wolle das Geld, das er in Aktien angelegt habe benutzen, um hier ein Stück Urwald zu kaufen. Für 3500 Euro kriege man bereits ein rechtes Stück Land. Und später darauf ein Haus bauen. Geld bei den Banken, das passe ihm nicht. Vorerst hilft er dem Ex-Krankenpfleger und neuen Schreinermeister dabei, seine Werkstadt aufzubauen. So für einen Monat, dann ziehe er weiter. Nicht Liebe auf den ersten Blick sei Novo Airao. Doch rasch habe er nette Leute getroffen, auch einen älteren Schweizer gäbe es hier, der habe einen kleinen Supermarkt.

Die zwei jungen Biologen aus Minas Gerais, die im Moment hier Umfragen machen zu dem Verhältnis der Einheimischen zu den rosaroten Delfinen, kennen den Schweizer auch, ein verrückter Typ finden sie, echt verschroben. Als sie ihn gefragt hätten, was er davon halte, dass im Ort Delfine als Touristenattraktion angefüttert würden, da habe er gemeint, das könne er nicht sagen. Er sei schliesslich kein Delfin. – Mir persönlich scheint dies allerdings weniger verrückt als ein Zeichen von Humor. Den Mann müsste ich dringend noch besuchen gehen. Und fragen, weshalb er denn in Novo Airao hängen geblieben sei. Bereits vor Jahrzehnten heisst es.
Durch die Biologen wiederum, habe ich den deutschen Weltenbummler kennen gelernt, denn als wir heute gemeinsam ein Boot gebucht haben um auf die Inseln hinaus zu fahren, da haben wir ihn angetroffen und auch gleich mitgenommen, denn die Biologen kannten ihn bereits. Die Biologen wiederum, Camilla und Luis, haben mich gestern angesprochen, als ich am Wasser am Zeichen war. Und mir von ihrer Arbeit erzählt. Ich ihnen von meinem Interesse daran. So hat sich dann dieser Ausflug ergeben. Und damit die ganze Kette der Ereignisse und Begegnungen. Die Welt ist klein. Im Hotel treffe ich am Abend noch einen Schweizer, der für „Precious Woods“ arbeitet, einem Betrieb, der im Amazonasgebiet nach ökologischen Richtlinien Holz abbaut. Nein, nicht Biologe sei er. Für die Neuorganisation des Betriebes zuständig und wohne in Sao Paulo. Mit einer Brasilianerin verheiratet, das scheint doch sehr häufig der Auslöser zu sein für eine Auswanderung. Auch sie ist hier und spricht gut Hochdeutsch, man habe zwischendurch 3 Jahre in Biel gelebt. Wie ich, sind sie auf der Flucht vor den Ostertagen in Manaus, das Waldstück im Amazonas liegt in Itapiranga.

Und schliesslich zu den „Botas“, den rosaroten Delphinen, mit denen die ganze Geschichte begann. Heute Morgen bin ich zum Floss gegangen, wo diese Delphine gefüttert werden. Die Touristen können dort Fische kaufen und den Delphinen hinhalten, die alsbald aus dem Wasser schiessen und die Fische zu packen versuchen. Einzelgänger seien diese rosaroten Delphine eigentlich, ganz im Gegensatz zu ihren Artgenossen im Meer. Diese Ansammlung von Tieren sei für sie ein Stress, in der Natur würden sie sich nie so nahe kommen. Solange genug gefüttert werde, sei das okay, doch wenn nicht genug Futter komme, dann würden die Tiere aggressiv und sich verletzen. – Heute mindestens haben die Delphine bestimmt genug Futter bekommen, wohl alle heute Abend eine Magenverstimmung. Ich finde diese Delphine mit den extrem schmalen Schnautzen und winzigen Äuglein, keine Pupille ist darin sichtbar, gerade etwas wie eine kleine Hautausstülpung, die fleckige Rosafärbung des Körpers hilft natürlich auch nicht, eher unappetitliche Tiere.

Novo Airao, 22.April


Skizzen aus dem Leben. Manchmal weiss ich ja nicht recht, weshalb ich schreibe. Die Sinnfrage, immer wieder. Doch dann lese ich „die blaue Stunde“ von Alonso Cueto, einem peruanischen Autor, und weiss es. Aus vielen Bruchstücken beobachteten Alltags besteht dieses Buch, geschickt verknüpft durch eine spannende Geschichte. Doch diese Bruchstücke, diese Bausteine, das ist mir klar, die hat Cueto aus seinem Leben genommen. Irgendeinmal irgendwo beobachtet. Auch Gedanken, die beim Zuschauen emporsteigen. So etwas erfindet man nicht.

Karfreitag Abend, es regnet seit Stunden stark, franst dann etwas aus, um sieben Uhr schliesslich wage ich mich hinaus in den Regen, das Mittagessen habe ich ausgelassen, später der Regen, jetzt treibt mich der Hunger hinaus. Im „Leao do Rio“, übersetzt „Löwe des Flusses“, esse ich Fisch. Am Tisch gegenüber eine Familie mit drei Kindern zwischen drei und zehn Jahren. Die Mutter ist eine knackige, grosse Frau, üppig, mit Kurven, die Brüste extrem präpariert präsentiert, auch die Hüften, zwischen T-shirt und Hosen bleibt gewaltig viel Haut frei. Das Gesicht europäisch, eine Stupsnase, doch dunkle Augen und Haare, eine attraktive Frau, die das weiss und neckisch mit ihren Kindern spielt. Vielleicht sind es ja bereits die zwei kleinen Schwänzchen über den Ohren, die ihr ein keckes Aussehen verleihen. Der Ehemann unscheinbar und schweigsam, ein Indiogesicht, das ist hier selten, die Grossmutter sitzt ebenfalls am Tisch, seine Mutter sicherlich, Ostern, man feiert gemeinsam, auch hier.
Und isst Fisch am Karfreitag, das hat der französische Koch richtig getroffen, das Restaurant ist voll, die Leute warten auf leere Tische. Der etwas auffällige Mann, der mir unten am Fluss heute Morgen erst Angst gemacht hat - er hat mir vom Koch erzählt - ist auch hier und erkennt mich sofort. Suiça, da spräche ich Französisch, ganz klar. Wir seien doch Nachbarn. Intelligent ist er, obwohl er mit dem Sprechen etwas Mühe hat, auch die Bewegungskoordination klappt nicht so ganz, deshalb war mir der Mann erst unheimlich, als er plötzlich zwischen dem Gebüsch hervorkam. Der Koch also Franzose, ein Restaurant unten am Fluss, eines im Zentrum von Novo Airao. Ein grosser Typ mit einer etwas schiefen und zerdrückten Kochmütze, nervös ist er, so viele Gäste gleichzeitig, das hat er wohl noch selten gehabt. Er entschuldigt sich bei mir. Morgen solle ich wieder kommen. Ich bin vermutlich die einzige ausländische Touristin hier in Novo Airao über diese Ostertage und falle entsprechend auf. Vielleicht auch, weil ich alleine bin. Das scheint in Brasilien ebenso unmöglich zu sein wie in China, hier wird immer alles in Gruppen, meist Familienverbänden gemacht.
Ausländerin, das sieht man nicht unbedingt. Ein paar Mal werde ich heute nach dem Weg gefragt. Und kann teils sogar helfen, ich habe ja einen Tag Vorsprung. Nach einem Tag kennt man diesen Ort bereits recht gut.
Ein interessantes Studienobjekt ist der Ort, um die brasilianische Mittelklasse kennen zu lernen. Die Reichen nähmen eher einen Flug nach Recife oder ins Ausland über Ostern, meint Jobao. Alle kommen sie mit Autos, keinen billigen. Bereits um sechs Uhr abends sind ein paar Gäste des Hotels erheblich betrunken. Etwas verständlich, einen grossen Teil des Tages hat es geregnet, zum Teil sehr stark, die Leute blieben in ihren Zimmern und schalteten TV und Klimaanlage ein oder sassen im Regen ins Schwimmbad und tranken Bier. Ich mag ihnen das ja gönnen.

Wie kommt man als Ausländer dazu, sich in Novo Airao nieder zu lassen? Dies scheint mir nicht ein Ort, wo man hängen bleibt, weil er einfach paradiesisch ist. Und sich ein Hotel oder ein Restaurant baut oder sich sonst einen Erwerb sucht, um für immer dort bleiben zu können. Die hiesigen Einwanderer sehen auch nicht wie Aussteiger aus, die kalkulieren. Ein Ort mit grossem Entwicklungspotential. Eben gerade ist die Strasse fertig gestellt worden. Neben dem Tourismus, der nun zu einem Wochenendtourismus werden kann, wird das neue Siedler mit sich bringen. Echte Einwanderer eben. Nicht Träumer, die mit ihrem Traum irgendwo auf der Welt stecken bleiben, ihn realisiert fühlen. Für eine gewisse Zeit.

Neun Uhr abends. Auch die Nachbarn auf beiden Seiten sind bereits wieder zurück, Familien mit mittelgrossen Kindern, alle schlafen in einem Raum, das scheint hier kein Problem zu sein. Und stellen sofort den Fernseher an. Die Wände sind aus Holz, ich höre den Vater, der noch vor zwei Stunden ziemlich betrunken die Musik auf volle Lautstärke gestellt hat, laut gähnen. Vielleicht doch eine friedliche Nacht.





Novo Airao, 21.April








Die Autoschlange im Fährhafen von Manaus sei heute so lange wie noch nie zuvor, berichtet mir der Hotelbesitzer, ein Deutscher, verheiratet mit einer Brasilianerin. Er hat das Hotel vor kurzer Zeit von einer deutschen Familie in fünfter Generation übernommen. Seit gestern warte ich in Novo Airao, auf den Ansturm der Leute aus Manaus, denn alle wollen an diesem Wochenende ins Grüne, genau wie bei uns in der Schweiz. Auch ich. Allerdings nicht um dem Trubel zu entfliehen - Manaus wird in den Ostertagen wie ausgestorben sein - doch weil ich mich in menschenleeren Städten unsicher fühle. Auch etwas Deprimierendes haben sie, das habe ich letzten Sonntag in Manaus gespürt.

Erinnerungen an die Herbstferienwoche in China. Damals bin ich auch im letzten Moment in ein kleines Städtchen geflohen und habe dort mit aller Mühe noch ein winziges Zimmer gefunden. – Dies immerhin ist für mich in Brasilien günstiger. Brasilianer scheinen ebenso wenig wie ich voraus zu planen und Reservationen zu machen. Gestern Abend sind gerade einmal zwei Brasilianische Familien angereist, Novo Airao, 17'000 Einwohner, Tendenz steigend, die neue Strasse, ein neuer Fährhafen ist im Bau, liegt immer noch recht verlassen da. Heute Morgen erst strömen vermehrt Touristen aus Manaus ein, der Ort ist nun mit dem Auto erreichbar und damit für die städtische Mittelklasse interessant geworden. Leute im Schwimmbad, Musik auch, doch noch habe ich genug Ruhe, um auf der Terrasse mit Blick auf den Rio Negro und die Anavilhanas-Inseln zu schreiben.
Bereits gestern Morgen um sechs Uhr früh habe ich in Manaus den Autobus bestiegen. Zusammen mit alten Frauen, viele mit Indianischem Aussehen, die von ihren Kindern zum Bus gebracht wurden. Einige davon sind wirklich alte und erstaunlich resolute Wesen, doch viele, das fällt mir in Brasilien auf, sind Frauen mit einem knackigen Körper, den sie auch freizügig zeigen, und einem wenig dazu passenden Gesicht, das um Jahre älter erscheint. Ich frage mich nun, ob die Köpfe zu alt erscheinen oder ob der Körper hier länger jung bleibt. Neben mir sitzt eine Frau mit gräulich strähnigem Haar und Brille. Sie hat eine Bibel in der Handtasche und ein Gesicht wie eine Betschwester und die Haare zu einem Rossschwanz zusammen gebunden. Und ein T-Shirt mit offenherzigem Ausschnitt und enge Leggins und auffällig verzierte dunkelrote Fingernägel. Auch Tätowierungen sind in Brasilien extrem beliebt.

Auf dem Busticket steht zwar eine Sitzplatznummer, doch – ganz im Gegensatz zu China – kümmert sich überhaupt niemand darum. Da ich mein Busticket am Vortag gekauft habe, bin ich die Erste, die den Bus besteigt. Ich wähle mir den besten Sitzplatz aus. Freier Platz für die Beine und freie Sicht durch die Frontscheibe. Der Bus lädt schon wenige Meter nach der Station erneut Leute auf. Und wird über die ganze Strecke, die man jetzt eigentlich in zwei Stunden schaffen könnte, immer wieder Menschen aufladen oder irgendwo, bei einem Tor in einem Zaun am Strassenrand, wieder ausladen. Das ganze Gebiet auf der Westseite des Rio Negros ist recht dicht besiedelt, vor allem Viehfarmen, Grossgrundbesitz.

Nein, so einfach sei das nicht mit dem Gemüse hier, meint der Hotelbesitzer, wenige unserer Gemüse würden das feuchtheisse Klima vertragen. Zu viel Regen. Trotzdem, in Peru ging das. Vielleicht nicht genau die gleichen europäischen Gemüse, doch etwas wächst hier bestimmt. Doch die Brasilianer bevorzugen das Fleisch.

Fischhäute und Vogelhäute - wie komme ich dazu? In einer Ausstellung am INPA sehe ich, dass man nach neuen Techniken sucht um Fischhäute zu verwerten. Offensichtlich kann man auch die zu Leder verarbeiten. - Fisch ist hier übrigens gut, überhaupt habe ich mich etwas früh über das brasilianische Essen beklagt, schlechter als in Peru sind die Strassenimbissbuden, amerikanisiert, Frites, weitere Fettgebäcke, Hamburgesa, einzig die Fleischspiesse, sind sensationell gut und billig. - Die Vögelhäute wiederum, das habe ich gelernt, die kann man abziehen wie Felle bei Säugetieren. Weshalb hat sich noch nie ein Regent einen Papageien, oder – noch exquisiter – einen Kolibrimantel machen lassen? Schliesslich haben sich unsere Könige auch mit Hermelinbesätzen, also zusammengestückelten Fellen von Kleintieren geschmückt.

Im Zentrum von Manaus kann man praktisch alles kaufen. Kleider, Schuhe, Elektronik, Haushaltssachen, Möbel, nur Essen, das findet man schwer. Am Abend vor meiner Abreise nach Novo Airao gehe ich in den einzigen Supermarkt, der eine Frischwarenabteilung mit Gemüse, Käse und weiterem hat und eine gut assortierte Weinabteilung. Carrefour, ein französischer Supermarkt, das ist man sich schuldig. Ich will eine Weinflasche und etwas zum Essen kaufen für den Abschiedsabend mit Enzo und Jobao. Anstehen muss man bereits in der Mitte des riesigen Ladens, die Leute machen das erstaunlich diszipliniert. Zuerst also quer durch den Laden, dann in abgesperrten Kehren bis zu den Kassen. Ich warte bestimmt eine halbe Stunde, die Leute scheinen das normal zu finden, ich will erfahren, wie man hier lebt.
Stunden meint der Hotelbesitzer, müsse man teils auf das Fährschiff warten, das ans andere Ufer des Rio Negro fährt, dorthin, wo die Strasse, die bis nach Novo Airao geht, anfängt. Eine riesige elegante Hängebrücke ist im Bau, sie wird dieses Problem nächstens lösen. Und noch mehr Verkehr und bestimmt mehr Siedler in die Gegend locken. Der Urwald, der dort sehr reichhaltig sei, sei akut in Gefahr, meint Jobao. Gebaut wird viel, Siedler von weiter flussaufwärts, die nun der Zivilisation auch näher sein wollen, das Leben in abgeschiedenen Dörfern am Fluss, nur erreichbar mit Booten, scheint nicht mehr besonders attraktiv.

Novo Airao ist doch grösser, als ich zuerst gemeint habe. Es ist immer merkwürdig, wenn man irgendwo aussteigt und keine Ahnung von der Ortschaft hat. Dieses kleine Städtchen ist in meinem Reiseführer nicht vermerkt, ein Angestellter des Reisebüros im Hostal Manaus hat mir den Tipp gegeben. Etwas weniger überlaufen, als Presidente Figueiras, meinte er, da würde ich mich sicher wohl fühlen. Und Jobao erzählt mir, dort habe es Schiffswerften, wo die lokalen Boote gebaut würden. Das habe ich allerdings noch nicht entdeckt. Auch ist die Ortschaft nur halb so gross, wie Jobao gemeint hat, ich glaube, er hat das mit etwas verwechselt. Gestern Abend entdecke ich dann doch noch das Zentrum der Ortschaft, den Hauptplatz und die Kirche, aus der Stimmen und Gesang ertönen. Häufig die lebhaftesten Punkte einer kleinen Stadt, die Kirchen sind hier extrem aktiv. Aggressiv korrigiert mich der deutsche Hotelbesitzer.
Die Elektrizitätszentrale, lärmende, mit Erdöl betriebe Generatoren, befindet sich gleich vis-à-vis vom zweiten Dorfplatz in der Nähe des Flusses. Auch die meisten Poussadas, Hotels, haben sich gleich daneben angesiedelt. Auf dem Hangabbruch zum Rio Negro, der touristisch sicherlich attraktivsten Gegend. Der Lärm scheint die brasilianischen Touristen - hauptsächlich sie kommen hierher - jedoch nicht zu stören. Die Häuser der Ortschaft sind einerseits bunte Holzhäuser auf Stelzen. Wer aber genug Geld hat, der baut massiv. Genau wie in Belize. Überhaupt erinnert mich dieser verschlafene Ort, Leute, die aus den Fenstern schauen, sich an die Brüstungen lehnen, Leute die herumsitzen, in Hängematten liegen, hier hat man Zeit, irgendwie an Belize. Das ganze eingepackt in einen dichten, vor Feuchtigkeit triefenden grünen Pflanzenbewuchs, viel dampfender Raum zwischen den einzelnen Häusern. Die Luftfeuchtigkeit ist enorm hoch, doch des nachts kühlt es so stark ab, dass ich einfach die Türe zur Veranda öffne, Moskitogitter hat es, doch bisher waren die Mücken kein Problem. Das schwarze Wasser - vielleicht doch. Das sei nicht abhängig von einzelnen schwarzen Flüssen, meint der Amerikanische Ornithologe. Die grösseren Regionen seien massgebend. Richtung Venezuela eben diese mageren Böden, häufig leuchtet weisser Sand zwischen der Vegetation auf, alles extrem nährstoffarm. Schlecht für die lästigen Blutsauger.

Das Wissen, das man sich auf einer Reise aneignet – und immer wieder korrigieren muss. Auf dem Platz der Oper von Manaus, hier „Teatro Amazonia“ genannt, ist auch ein Ausstellungsraum mit moderner Kunst aus Amazonien. Der aktuelle Künstler macht Fotoarbeiten und Collagen, nicht alles interessiert mich, zu viel Photoshop, doch die Videoarbeiten finde ich faszinierend. Ein Video zu einer Schiffsfahrt. Gefilmt von einem Touristen, meint man erst, immer wieder schnelle Zooms auf Details, bis das ganze zu verwischen beginnt und sich in Linien auflöst. Wenn man aber näher hinschaut, dann merkt man, dass das technisch doch komplexer gelöst ist und nur so tut als ob. Faszinierend für mich ist vor allem, dass die Fahrt bei Niedrigwasser stattfindet, breite Sandbänke säumen den Fluss, viele Inseln ragen aus dem Wasser und – man sieht es erst kaum, Körper oder was? verschwommen sind die Bilder - auch abgerundete Felsblöcke, die bizarre Formationen bilden. – Und da wurde mir doch gelehrt, dass es im Amazonasgebiet keine Gesteine gäbe. Das stimmte vielleicht weiter oben, hier unten in der Gegend von Manaus bestimmt nicht mehr. Hier in Novo Airao bemerkt man auch besonders gut, dass die Gegend eigentlich überflutet ist und nur noch die Baumkronen aus dem Wasser ragen. 15 bis 20 Meter Unterschied zwischen Niedrig- und Höchststand, während rund 4 Monaten unter Wasser. Nur Pflanzenarten, die dies tolerieren, können hier überleben, eine ganz spezielle Vegetation.


Jetzt seien es seltene Metalle, meint Jobao, wegen denen der Urwald zerstört werde. Horden von Menschen würden an Orte ziehen, wo weitere Metalle vermutet werden. Rasch würden diese Goldgräberstädte wachsen, Prostitution, Kriminalität, wie im wilden Westen. Er frage sich manchmal, ob die Regierung diese Gerüchte absichtlich verbreite. Um damit die armen Teufel aus den Städten fort zu locken, wo sie nur Probleme bereiteten. Auf der Suche nach dem schnellen Glück, verschwinde manch einer, der nichts zu verlieren habe gerne.
Glück verheissen auch die vielen neuen Freikirchen, die sich erfolgreich verbreiten, selbst eine neue Mosche, prunkvoll mit Mosaiksteinen verziert, ist in Manaus im Bau.

Mein Zimmer in der „Poussada Bela Vista“ in Novo Airao hat mir erst nicht gefallen. Dunkel, alles in ungestrichenem Holztäfer. Haben da wohl die deutschen Siedler ihrer Heimat nachgeträumt? Jetzt finde ich es einen perfekten Ort um mich zu erholen, in Manaus habe ich ja ein wahnsinniges Schlafmanko aufsummiert. Das Zimmer hat eine Türe auf eine private Veranda mit zwei Schaukelstühlen. Doch auch von dort kommt nur Dämmerlicht, die Wedel zweier Bananenpalmen, etwas entfernt die Blätter eines Mangobaumes, das Haus steht auf Stelzen in einem Abhang auf Kronenhöhe, die dichte Vegetation verdüstert das Licht und erzeugt ein Dschungelgefühl. In der Hitze des Tages sehr angenehm.
Erkältungen, meint der deutsche Besitzer, die nähmen in den Tropen einen etwas anderen Verlauf. Nicht so heftig - dafür werde man sie wochenlang nicht mehr los. Etwas Schnupfen, etwas Halsschmerzen, Husten und Kopfweh, ich habe das bemerkt, auch meine Erkältung will nicht heilen. Das ist auch schwierig in einem Land, in dem die Leute von geschlossenen Fenstern und Klimaanlagen träumen. Bei jedem Besuch in einer Bank, einem grösseren Laden, einem Museum oder sonst einem öffentlichen Raum wird der verschwitzte Körper von einer Kühlschranktemperatur empfangen. Anfangs denke ich, dass ich das nicht aushalte, doch rasch gewöhnt sich der Körper daran - um dann beim Hinausgehen auf die Strasse von der Hitze niedergeworfen zu werden.

Um 10 Uhr abends, als ich zum Hotel zurückkomme, ist schon fast alles finster, noch drei Leute sitzen im Schwimmbad, die Bar ist verwaist. Offensichtlich sind die meisten Leute wie ich zu Erholungszwecken hierher gekommen, das hätte ich nicht erwartet. In der Ortschaft recht viele Menschen auf den Strassen, doch habe ich im allgemeinen das Gefühl, dass es Einheimische sind. Man kennt sich. Im Restaurant, wo ich Fisch esse, spielt eine Rockband, die Sängerin singt furchtbar falsch, das ganze tönt eher wie ein Soundcheque als wie ein Konzert und wird von den Gästen nicht beachtet. Viele gehen nach dem ersten Stück und die Sängerin macht ein schmollendes Gesicht. Vor der Kirche später nochmals Rockmusik, Kinder und Jugendliche tanzen auf der Bühne wie Showgirls. Und sind das nicht die Kirchenbänke im Sand auf dem Platz? - Ein freundlicher Herr bietet mir ein Glas Cola an. Von der Kirche spendiert, frage ich? Ja, von der „Igreja Pentecostal“ ergänzt er. Und stellt mir später seine Frau und seine wirklich auffällig hübschen Töchterchen vor. Eine Schweizerin habe es ebenfalls in ihrer Kirchgemeinde, meint er, die sei Morgen auch da, jeden Abend Konzert bis Sonntag. Halleluja.